Carsharing
Geteiltes Auto, geteilte Kosten
In New York kommen aktuell 56% der Haushalte ohne eigenes Auto aus, in Berlin 46%, in Tokio 48% und in Paris 43%. Die durchschnittliche Nutzungsdauer (Fahrtzeit) eines Pkw bei uns beträgt wirklich nur 1 Stunde.
70% der Fahrer fahren dabei alleine und 80% aller Fahrten bleiben im regionalen Bereich unter 40 km. Trotzdem werden in Deutschland 165 Mio Pkw-Fahrten/Tag unternommen.
In der Schweiz wurde vor zwanzig Jahren die Idee geboren, Fahrzeuge gemeinsam zu nutzen. Dies bezeichnet man als Carsharing = Autoteilen. Und das funktioniert immer besser.
Die Redaktion spricht mit Christof Kircheis, dem ehrenamtlichen Leiter der Böblinger Filiale des Stadtmobil e.V., die drei Fahrzeuge rund um den S-Bahnhof stationiert hat.
Interview mit Christof Kircheis
Für wen ist Carsharing sinnvoll?
Aufgrund der Tarifgestaltung macht es keinen Sinn für jemanden, der täglich mit dem Auto zur Arbeit fährt und den Wagen dort acht Stunden stehen lässt. Sinnvoll ist es für Gelegenheitsfahrer, die beispielsweise Ausflüge oder Besuche machen möchten, für Großeinkäufe oder auch für Businesskunden (Behörden sowie kleine und größere Unternehmen), die ihren Fuhrpark wirtschaftlich optimieren möchten. Als Faustformel für alle Nutzergruppen für die Wirtschaftlichkeit gilt eine Jahresfahrleistung von unter 10.000 km pro Fahrzeug.
Ein Beispiel: Die Stadtverwaltung X hat zwei Fahrzeuge abgeschafft und die Bediensteten können nun bei gleichen Kosten auf einen zusätzlichen Pool (natürlich immer bei Verfügbarkeit) von 5 Autos zugreifen. Es gilt das Prinzip: Wer das Auto zuerst bucht für einen Zeitraum, der bekommt es. Ein Fahrzeug im Carsharing kommt auf ca. 15 bis 20 Nutzer und statistisch kann es also fünf bis acht Privat-PKW ersetzen.
Bei uns in der Region hat das eigene Auto für viele Menschen einen hohen Stellenwert. Sehen Sie trotzdem Bedarf für ein Carsharing-Angebot?
Angefangen hat der Boom in den Großstädten, in den Ballungsräumen. Von den Bewohnern in Stuttgart-West hört man, dass das eigene Fahrzeug oft mehr Last als Lust bringt, wenn sie nämlich versuchen, abends in Wohnungsnähe noch eine freie Parklücke zu finden. Da ist es entspannter, ein Stadtmobil-Fahrzeug für einen definierten Zeitraum zu buchen und dieses Fahrzeug anschließend wieder auf dem reservierten Stellplatz abstellen zu können.
In der Region hat sich das Carsharing ebenfalls fest etabliert, insbesondere da, wo sich genügend Nutzer und Aktive zusammenfinden. Es gibt hier u.a. den unabhängigen Verein Carsharing Renningen, der in der Rankbachstadt aktuell 15 Fahrzeuge vom Kleinwagen bis zum Transporter betreibt. Die Gründe sind vielschichtig: Es gibt immer mehr Menschen, die für den Weg zur Arbeit aus Gesundheitsgründen das Fahrrad oder ein Pedelec verwenden oder eine Mischung aus dem Umweltverbund (Füße – Fahrrad – öffentlicher Nahverkehr). In solchen Haushalten kann man den Zweit- oder Drittwagen in Frage stellen und für einzelne Spitzenbedarfe, d.h. wenn gleichzeitig mehrere Personen im Haushalt ein Fahrzeug benötigen, aufs Carsharing zurückgreifen. Firmen oder Behörden, die Fahrzeuge mit einer eher geringen Jahresfahrleistung betreiben, können direkt vom Carsharing profitieren. Außerdem sind die Fahrzeuge in der Region für Großstädter interessant, die das erste Stück ihres Weges in eine bestimmte Richtung (z.B. von Stuttgart nach Riedlingen über Böblingen) mit der S-Bahn zurücklegen und danach erst auf das Stadtmobil umsteigen.
Bereits Ende der Achtziger Jahre gab es Studien, die aussagten, dass der Besitz eines Autos in Deutschland nicht mit dem sozialen Status korreliert. Ein Auto besitzen kann man heutzutage in nahezu jeder sozialen Schicht. Andererseits kann man wohlhabend sein, ohne dies über bestimmte Fahrzeugmodelle oder generellen Fahrzeugbesitz ausdrücken zu müssen.
Im August 2011 ist der StadtMobil-Standort Böblingen mit einem Fahrzeug gestartet. Wie ging es danach weiter?
Der rote Opel Astra Sports Tourer am Parkplatz Karlstraße direkt gegenüber dem ZOB und dem Bahnhof hat sich sofort als Blickfang erwiesen. Die Anbindung an den ÖPNV ist optimal an diesem Knoten, aus allen Stadtvierteln und mit vier Bahnstrecken (Schönbuchlichtung – Maichingen – Gäu – Stuttgart). Die Auslastung ist sehr hoch, so dass bereits im Februar das zweite Fahrzeug (der Toyota Aygo) hinzukam. Im Juni 2012 konnte ein drittes Fahrzeug, ein Opel Corsa Diesel, der zuvor in Herrenberg stand, hinzugewonnen werden. Die letzteren zwei Autos stehen auch am Bahnhof, jedoch auf der Flugfeldseite auf dem provisorischen Parkplatz.
Im Februar 2013 konnte das vierte Fahrzeug, wiederum ein Opel Astra Sports Tourer, in Betrieb genommen werden.
Dieser steht auf der Hulb vor dem Besucherparkplatz des Softwarezentrums. Die Zielsetzung ist, im Softwarezentrum als auch im weiteren Umfeld der Hulb Businesskunden zu gewinnen. Nach den ersten Tagen der Nutzung zeigt sich, dass der Standort auch von den Bewohnern Böblingens, Ehningens und Dagersheims akzeptiert wird. Die S-Bahnhaltestelle Hulb ist ca. 700 m entfernt von der Adresse Otto-Lilienthalstraße 36. Auch bei den Teilnehmerzahlen zeigt der Trend weiter nach oben. So sind nun bereits ca. 70 Nutzer registriert.
Apropos wirtschaftlich? Was kostet Carsharing?
Die einmalige Aufnahmegebühr beträgt 50,-€, dann gibt es unterschiedliche Tarife wie etwa Classic (Clever, Smart), VVS (für Jahres- und Monatskartenkunden) und den Business-Tarif.
Beispielrechnung für den Classic-Clever-Tarif: Kaution 550,- (unverzinst), Jahresbeitrag 84,- für Einzel-, 108,- für bis zu Dreifahrerhaushalt. Dazu werden für die Fahrten pro Stunde 2 € und pro Kilometer 21 Cent berechnet (Tarifgruppe B – Opel Corsa). Wichtig dabei: Spritkosten, Service, Kundendienst, TÜV und die Vollkaskoversicherung ist dabei schon inklusive. Es gibt außerdem spezielle Tages- und Wochentarife, die Rabatte enthalten.
Alle Tarifdetails und Kontaktmöglichkeiten finden Sie hier.
Redaktion: Vielen Dank für das Gespräch.
Bericht eines Carsharing-Nutzers
"Im Frühjahr wurde unser einziges Auto in der Familie durch einen Unfall zerstört. Über das Wochenende begannen wir, im Internet zu sichten, welche Fahrzeuge als Ersatz in Frage kämen. Nach Rückfrage bei einem Bekannten, der sich gut mit Autos auskennt, war der Entschluss gefasst: Da wir für Fahrzeug-Spitzenbedarfe sowieso Teilnehmer bei stadtmobil sind, buchten wir sofort ein Stadtmobil im Internet für Sonntag 15:00 bis Montag 17:00. Danach das Auto mit 15 min. Fußweg abholen, über die Teilnehmerkarte an der Frontscheibe freischalten, Türen auf, in den Bordcomputer im Handschuhfach die PIN eingeben und den Autoschlüssel entnehmen.
Wir fuhren unsere Tour zu verschiedenen Autohäusern in Böblingen – Leonberg – Nürtingen – Herrenberg und zurück nach Böblingen. Am Montag kam noch die kleine Tour mit Besorgungen in der Stadt dazu und nochmals eine Fahrt nach Herrenberg. Eine Woche später hatten wir unser neues Auto, aber das Carsharing-Auto bleibt unser 'Zweitwagen.'
Die Kosten für die Stadtmobiltour im Astra 1.7 CDTI beliefen sich auf ca. 65,-€, das hat sich echt gelohnt."
Weitere Infos
Autohersteller drängen in den Carsharingmarkt: Smart mit Car2Go, BMW mit Drive Now , Peugeot, VW mit QuiCar. Die Deutsche Bahn bietet den eigenen Fahrzeugpool im Carsharing an unter dem Namen "flinkster".
Der Dachverband der „kleineren Carsharing – Initiativen“ heißt BCS (Bundesverband Carsharing). Vielfach ist im Verbund eine sogenannte Quernutzung möglich, d.h. Teilnehmer von Stadtmobil können auch bei Teilauto in Tübingen usw. buchen.
Teilweise werden bereits Elektromobile im Carsharing eingesetzt, so etwa bei flinkster in Berlin. Hier muss die Buchungssoftware die Ladezeiten berücksichtigen und für einen gewissen Zeitraum neue Buchungen blockieren.
Neue Start-up-Firmen bieten auf Internetplattformen private Fahrzeuge zum Teilen oder zum Mitfahren an, etwa autonetzer.de, flinc, Pockettaxi oder tamyca. Das sind im Prinzip erweiterte, internetbasierte Formen der klassischen Mitfahrzentrale.
Ausblick
Eine ganz neue und "smarte" Lösung könnte das Dynamic Ride Sharing werden (DRS). Die Idee dabei ist, dass sich spontane Mitfahrgelegenheiten über ein serverbasiertes System ergeben mit angeschlossenen Smartphones und über vernetzte Navigationsgeräte im Fahrzeug. Das funktioniert bereits als Mitnahme-Tool bei flinc.de.







