1,75 Meter Geschichte – Das Böblinger Urkundenbuch im Stadtarchiv

Im aktuellen Beitrag zum "EinBlick in die Stadtgeschichte" befasst sich Stadtarchivar Dr. Christoph Florian mit einer bemerkenswerten Quellensammlung zur Geschichte der Stadt Böblingen und ihrem Umland.

Im Magazin des Stadtarchivs stehen 52 Bände eines „Böblinger Urkundenbuch“ (BUB) genannten Werks. Nebeneinander aufgestellt ergeben die Bände eine Länge von 1,75 Metern. Da die Blätter jeweils nur einseitig maschinenschriftlich beschrieben und pro Eintrag meist nur wenige Zeilen umfassen, schrumpft der Umfang doch beträchtlich. Bei dem Werk handelt es sich nicht um ein Urkundenbuch im üblichen Sinne, das nur Einträge über historisch wichtige Rechtsdokumente (Urkunden) enthält, sondern es finden sich in ihm geschichtliche Zeugnisse unterschiedlichster Art. In 12.269 Nummern wurden geschichtliche Nachrichten und Überlieferungen der Stadt Böblingen, des ehemaligen gleichnamigen Oberamts sowie von Orten darüber hinaus erfasst. Bei den Einträgen handelt es sich überwiegend um Zusammenfassungen (Regesten). Nicht berücksichtigt wurde Sindelfingen, das ein eigenes Urkundenbuch bekam.

Das BUB ist vor allem das Werk des Theologen und Historikers Dr. Albrecht Schaefer (1886-1972), der von 1919 bis 1930 in Böblingen Stadtpfarrer war, und danach als freier Historiker arbeitete und sich um die Stadtgeschichte äußerst verdient gemacht hat. Der zweite Bearbeiter war der Bibliothekar Dr. Ludwig Lang (1890-1956?). Grundlage des Urkundenbuchs wurde die von Schaefer zusammengestellte historische Materialsammlung, bestehend aus Abschriften, Zusammenfassungen und Notizen, welcher dieser in jahrelanger Arbeit aufgebaut hatte. Diese wurden ergänzt durch, seit 1946 von Lang für ein geplantes Heimatbuch gesammelte, historische Materialien.

Ab 1949 begannen Schaefer und Lang die geordneten Vorlagen maschinenschriftlich abschreiben zu lassen. Der erste Band erschien dann schon 1949, der letzte 1963. Orientiert man sich an den Titelangaben, dann bearbeitete Lang die Bände 1 bis 10, während Band 11 bis 17 von beiden verantwortet wurden, ab Band 18 war dann Schaefer alleiniger Bearbeiter. Erschwert wurden die Arbeiten durch den in der unmittelbaren Nachkriegszeit oft nicht leichten Zugang zu Archiven und Bibliotheken. Auch war in der wirtschaftlichen Notzeit die Finanzierung schwierig. Bei dem Werk handelt es sich weniger um ein Urkundenbuch im streng wissenschaftlichen Sinn, als um eine heimatgeschichtliche und -kundliche Materialsammlung. Sie enthält eine Fülle spannender und überraschender Nachrichten über die Vergangenheit Böblingens und seiner Umgegend.

Ein Serpentin-Beilchen

Einträge zur Vorgeschichte machen den Anfang. So geht eine der ersten Nummern auf den „Homo Heidelbergensis“ ein. Im ersten Eintrag zur Stadt Böblingen wird dann ein Fund auf dem Schloßberg erwähnt: „Neolithisches Serpentin-Beilchen 6 cm. Hinter dem Oberamt‘. Boeblingen.“ Serpentinit ist eine Gesteinsart. Eine andere Nummer informiert über die Aufdeckung zweier Grabhügel im Böblinger Stadtwald Brand (bei Neuem Friedhof) im Jahr 1822. Im Band 3 findet sich ein Hinweis auf eine sehr frühe Nennung Böblingens, als um 1100 ein Gebehardus de Bebelingen und seine Ehefrau Adelheid zwei Güter in Kornwestheim an das Kloster Hirsau verschenkten.

Überhaupt gibt es in diesem Werk bisher wenig bekannte Fakten über das alte Böblingen zu entdecken. So wird eine Quelle aus dem Jahr 1664 wiedergeben: „Ein Theil der Seidenwürmer mit einem Mädchen zu ihrer Wartung, wie geschehen, nach Böblingen in das Schloß transportiert, und das Laub von den Maulbeerbäumen in Herrenberg, dahin geführt werde.“Aus dem 18. Jahrhundert findet sich eine weitere interessante Tatsache, denn damals gab es in Böblingen im größeren Umfang Weinanbau; die Fläche umfasste etwa 60-70 Morgen (19-22 Hektar). In den Jahren 1738 und 1765 wurde der größte Teil gerodet. Jedoch noch 1786 wurde Wein angebaut, denn in jenem Jahr kostete ein Eimer Wein (294 Liter) acht Gulden.

Dass es bei den Böblinger Pfarrern zuweilen sehr „menschlich“ zugehen konnte, zeigt das Beispiel des Dekans (Vorsteher eines Kirchenbezirks) von Böblingen, der 1660 am Pfingstsamstagabend als Zuhörer betrunken die Predigt seines Kollegen besuchte und dabei eingeschlafen ist. Er musste „mit lautem Gerumpel“ geweckt werden. Auch sonst war er ein schwieriger Fall und galt als "dissoluter [leichtsinniger] Haushälter, mit 5 Mägden".

Der Herzog kommt zu Besuch

Die "Obermatei" im 19. Jahrhundert

Es findet sich auch die Zusammenfassung eines im Tagebuch des herzoglichen Generaladjutanten Franz Maximilian Friedrich Freiherrn von Buwinghausen-Wallmerode geschilderten Besuch Herzog Karl Eugens von Württemberg (Regierungszeit 1737-1793). Generaladjudant bezeichnete hier einen Offizier, der als persönlicher Mitarbeiter des Herzogs fungierte. Der Besuch fand am 11. Dezember 1767 im Anschluss an einer Jagd statt. Der Tagebuchverfasser sollte in der Stadtschreiberei (heute Bereich Marktgässle 1), die meisten Kavaliere im Schloss und der Herzog in der Oberamtei (heute Gebäude der Böblinger Baugesellschaft) logieren. Aus den Reihen der herzoglichen Husaren (Reitersoldaten) wurden am Oberen (Plattenbühl) und am Unteren Tor (heutiger Elbenplatz) jeweils ein Vizekoporal (Unteroffizier) und drei einfache Soldaten als Wachen aufgestellt. Um sechs Uhr abends kam dann der Herzog in Böblingen an. Auf der Anhöhe hinter dem Schloss wurde Salut geschossen, in der Stadt alle Glocken geläutet und bei der Oberamtei war der Magistrat (Stadtregierung), die Geistlichkeit und alle Bürger versammelt. Der dem Oberamt vorstehende Verwaltungsbeamte (Oberamtmann) Jonathan Friedrich Ulmer und der Spezial (Dekan) Philipp Heinrich Lang empfingen den Herzog mit einer Rede. Am Abend spielte die Gesellschaft „Quinze“ (französisches Würfelspiel), was der Generaladjudant als „ordinär“ bezeichnete.

Auch über Dagersheim gibt es Bemerkenswertes, so wurden 1912 in der Flur „Unter dem Böblinger Weg“ römische Baureste entdeckt. Dann schenkte um 1100 ein Adliger Namens Luitprant de Husa (von Hausen) aus seinem Besitz in Dagersheim dem Kloster Hirsau drei Güter. In der Nummer 11341 berichtet das Urkundenbuch für den 20. Juli 1839 kurz und knapp: „Dagersheim verhagelt“. Auch Dagersheim hatte seine Probleme mit seinem Pfarrer, denn 1557 überlegte man im Kirchenrat (oberste Kirchenbehörde), ob man den Geistlichen Johann Walter aus Peiting nicht versetzen sollte, weil er sich bei den Untertanen unbeliebt gemacht hatte.

Die letzte Nummer 12269 des Urkundenbuchs schließlich informiert dann über heimatkundliche Buchneuerscheinungen des Jahres 1960.

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