Der Luftangriff auf Böblingen vom 7./8. Oktober 1943

In der Nacht vom 7. auf den 8. Oktober 1943 traf Böblingen ein schwerer Schicksalsschlag. Ein Luftangriff überwiegend australischer und kanadischer Flugzeuge forderte zahlreiche Menschenleben und ein bedeutender Teil der Stadt wurde zerstört. In dieser Ausgabe des „EinBlicks in die Stadtgeschichte“ geht Stadtarchivar Dr. Christoph Florian näher auf die Katastrophe und ihre Auswirkungen ein.

Der Luftangriff war eine Folge des von Deutschland am 1. September 1939 begonnenen Zweiten Weltkriegs. Hatten Deutschland und Großbritannien zunächst jeweils militärische Ziele des Gegners durch Luftangriffe attackiert, so wurden immer öfters zivile Ziele in den Fokus genommen. Nachdem Großbritannien am 10. Mai 1940 erstmals eine Großstadt angegriffen hatte, folgte Deutschland 1940 in der Luftschlacht um England mit Angriffen auf zivile Ziele, die zahlreiche Todesopfer forderten. Nach der Niederlage der deutschen Luftwaffe wurden nun seinerseits deutsche Städte Ziel von britischen Luftangriffen. Flächenbombardements mit immer größerer Intensität forderten immer mehr Todesopfer und verursachten große Schäden.

Ziel Stuttgart

Gedenktafel an der Poststraße

Am Abend des 7. Oktober 1943 brachen dann nach sorgfältiger Vorbereitung des Chefs der britischen Bomberflotte, Luftmarschall Arthur T. Harris, britische und vor allem kanadische und australische Bomber zu einem Luftangriff mit Ziel Stuttgart auf. Von 20.10 bis 21.23 Uhr starteten 359 viermotorige Lancasterbomber von südwestenglischen Luftwaffenstützpunkten. Über den Raum Freiburg nahm die Fliegerformation Kurs in Richtung Nordosten nach Stuttgart, während sich zwei kleinere Bombergruppen zu Ablenkungsangriffen auf München und Friedrichshafen absetzten.

Als die Vorausgruppe (Pathfinder) dann kurz vor Mitternacht (23.59 Uhr) den Luftraum über Böblingen erreichte, hielt man diesen wegen der schlechten Sichtverhältnisse irrtümlich für das Zielgebiet und warf die erste Markierung (Leuchtbomben) ab. Weitere als Pathfinder eingesetzte Bomber setzten daraufhin ebenfalls Markierungen auch über Böblingen ab, sodass der nachfolgende Bomberstrom sich daran orientierte und seine todbringende Bombenfracht über dem Raum Böblingen und Stuttgart abwarf.
     
 

Im Bericht des Polizeimeisters Fritz Gundel heißt es dazu: „Der Angriff erfolgte auf Böblingen von 23.55 bis 0.50 Uhr. Schwere Bombenangriffe, Spreng- u. Brandbomben, Welle auf Welle folgte. Der Angriff dauerte etwa 1 Stunde.“ Und weiter heißt es im Bericht: „Es war eine Schreckensnacht für Böblingen, der größte Teil der Stadt, ca. 90 %, erlitten schwere u. leichtere Schäden.“

Es brannte an vielen verschiedenen Stellen. Rauch hüllte die Stadt ein. Die Rettungsmaßnahmen gestalteten sich schwierig, da kurz nach Beginn des Luftangriffs die Wasserversorgung ausfiel. Das Löschwasser musste daher u. a. aus den Seen und einem Löschteich am Maienplatz entnommen werden. Die Enge der Altstadt behinderte die Löschfahrzeuge. Zudem arbeiteten die Helfer zu Beginn der Rettungs- und Löschmaßnahmen unter Lebensgefahr, da die Bombardierung ja noch andauerte. Mit Hilfe von Feuerwehrgruppen aus näherer und fernerer Umgebung konnten die Brände dann gelöscht werden. Um 00.49 Uhr war der Angriff beendet.

„Ein schreckliches Bild“

Am folgenden Tag bot die Stadt ein schreckliches Bild, das Karl Bauer in seinem Buch über Böblingen im Zweiten Weltkrieg eindrucksvoll beschrieben hat: „Wie sah die Stadt aus, als der Morgen des 8. Oktober graute? Noch loderten überall Brände. Ganze Bezirke lagen in Trümmer. Was nicht völlig zerstört war, bot einen trostlosen Anblick: Dachgerippe ohne Ziegel, schiefe Häuser, herausgebrochene Wände, weggerissene Türen, eingestürzte Schornsteine, herabhängende Zimmerdecken, leere Fensterhöhlen, zerstreuter Hausrat, und zwischen all dem Durcheinander verstörte, kummervolle, übernächtigte Menschen.“

Rund 15.000 Stabbrandbomben, 2.200 Phosphorbomben, 300 Sprengbomben und 30 Minen waren über dem Stadtgebiet abgeworfen worden. Es muss von einer Zahl von etwa 60 Toten und 250 Verletzten, darunter auch Zwangsarbeitern, ausgegangen werden. Etwa 1700 Böblinger waren obdachlos geworden. Schrecklich war das Schicksal der Familien Körber-Döhm in der Markstraße. Drei Erwachsene und sechs Kinder im Alter von ein bis zehn Jahren, die Zuflucht im Keller gesucht hatten, wurden im Keller verschüttet, erstickten und verbrannten dort.

Mehr als die Hälfte aller Gebäude in der Altstadt wurden bis auf die Grundmauern zerstört. Das Areal südlich der Marktstraße lag fast vollkommen in Trümmern. Das Stadtbild prägende historische Gebäude wurde zerstört, so der noch existierende Südflügel des Schlosses, in dem die unteren Klassen der Oberschule untergebracht waren. Auch die evangelische Stadtkirche mit wertvoller Orgel und Inventar sowie das alte Rathaus (gegenüber dem heutigen Fleischermuseum) mit der Verwaltungsregistratur und vielen historischen Dokumenten sowie der alte Fruchtkasten (gegenüber der Stadtkirche) wurden Opfer des Angriffs.

„Eine Spur der Zerstörung“

Zerstörungen am Marktplatz

Der Angriff traf nicht nur die Böblinger Altstadt. Auch in den Randbereichen fand das Zerstörungswerk statt. In einem Haus in der Teckstraße verbrannte eine Mutter mit ihren drei Kindern. Der Alte Friedhof am Herdweg war verwüstet, die Leichenhalle beschädigt. Eine Spur der Zerstörung zog sich vom Galgenberg bis zum Kurhaus Waldburg hinauf, das vollständig zerstört wurde. Überall auf Feld und Flur und im Wald gab es Schäden, wurden Blindgänger gefunden.

Auch in den anderen Orten des Landkreises hatte der Angriff Tod und Verwüstung gebracht. Die Zahl der Toten bzw. Verletzten betrug in Sindelfingen 16 bzw. 34, in Holzgerlingen 12 bzw. 65, in Hildrizhausen wurde ein Toter und in Nufringen ein Toter sowie 15 Verletzte beklagt. Stuttgart zählte 101 Tote, 300 Verletzte und drei Vermisste. Die Angreifer verloren insgesamt 28 Mann Besatzung.

Am 13. Oktober wurden dann die Toten im Rahmen einer ergreifenden Trauerfeier auf dem Alten Friedhof beigesetzt. Es war nicht der letzte Luftangriff auf Böblingen. Es waren nicht die letzten Opfer. Weitere Bomberangriffe folgten, darunter als schwerster derjenige am 19. Juli 1944. Der Tagesangriff auf den nördlichen und westlichen Teil der Stadt forderte 36 Todesopfer, 24 Menschen wurden verwundet und 23, die verschüttet waren, konnten gerettet werden. Als Schutzmaßnahme gegen Luftangriffe wurde nach dem Angriff von 1943 mit dem Bau eines ganzen Systems von Luftschutzstollen begonnen. Es hat vielen Menschen das Leben gerettet.

Gedenkveranstaltung am 07. Oktober

Am 7. Oktober 2018 um 20.00 Uhr findet auf dem Marktplatz eine Gedenkveranstaltung zum 75. Jahrestag der Bombardierung Böblingens mit Schweigeminute statt. Am 4., am 17. und am 18. November sind die vom Künstler Marinus van der Aalst geschaffenen Erinnerungsräume in der Aussegnungshalle auf dem Alten Friedhof geöffnet. In ihnen wurde die Wahrnehmung der Böblinger Geschichte im Zweiten Weltkrieg künstlerisch aufgearbeitet.

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Kontakt

Dr. Christoph Florian
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