Der Pietismus in Dagersheim

In der vorliegenden Ausgabe des Einblicks in die Stadtgeschichte geht Stadtarchivar Dr. Christoph Florian der Geschichte des Pietismus in Dagersheim nach.

Die nachfolgenden Ausführungen basieren zum größten Teil auf dem Beitrag über den Dagersheimer Pietismus von Dr. Günter Scholz in der Ortsgeschichte von Dagersheim.

Das „Fünf-Brüder-Bild“ mit bekannten Pietisten (rechts: Michael Hahn, neben ihn: Gottlieb Immanuel Kolb)

Nachdem die Reformation im 16. Jahrhundert voller Schwung und Elan das religiöse und kirchliche Leben erneuert und verändert hatte, begann im 17. Jahrhundert die neu geschaffene evangelische (Amts-)Kirche ihrerseits zu erstarren und an Lebendigkeit zu verlieren. Unter den Gläubigen, die sich nicht damit abfinden wollten, war der aus dem Elsass stammende Philipp Jakob Spener (1635-1705). Die ursprünglichen Ziele der Reformation sollten wieder in das Zentrum gestellt werden. Zu seinem Reformprogramm gehörten das „gemeinschaftliche Bibelstudium der Gemeindemitglieder, die Mitarbeit der Laien in der Kirche“ und aktive Nächstenliebe. Besonders das gemeinschaftliche Bibelstudium und das Gebet in der Gemeinschaftsstunde, auch „Stunde“ genannt, das keine Standesschranken kannte, wurde neben der stark verinnerlichten Frömmigkeit zu einem Kennzeichen dieser Reformbewegung. Die Bezeichnung Pietisten leitet sich vom lateinischen Wort Pietas (= Frömmigkeit) ab. Der Pietismus gewann an Bedeutung und 1743 erkannte die württembergische Regierung ihn durch das „Generalreskript betreffend die Privatversammlungen der Pietisten“ an, wodurch fortan seine Anhänger in Württemberg im Rahmen der evangelischen Landeskirche wirken konnten. Württemberg wurde so zu einem der wichtigsten Gebiete des Pietismus. Auch in der Böblinger Gegend breitete er sich aus und der Altdorfer Michael Hahn (1758-1819) wurde dort zu seiner zentralen Figur.

Separatisten

Auch Dagersheim wurde vom Pietismus erfasst. Vor 1760 muss er regen Zulauf gehabt haben. Viele Bewohner versammelten sich nach der (offiziellen) Abendkirche an Sonn- und Feiertagen. Anscheinend waren auch radikale Pietisten aufgetreten, die ihre Glaubensform außerhalb der evangelischen Staatskirche etablieren wollten („Separatisten“). Später ging der Pietismus dann wieder zurück, es trat eine Mäßigung ein. Als der Ort dann 1760 von einer staatlich-kirchlichen Kommission visitiert wurde, gab es nur geringe pietistische Aktivitäten. Es waren nur noch sechs Personen übriggeblieben, die sich wohl unregelmäßig trafen und private Glaubensarbeit betrieben: „Die eine Zeit lang üblich gewesene Privatversammlungen nach den Abendkirchen an Sonn- und Feyertägen haben sich biß auf 6. Personen verlohren, welche noch dann und wann zusammenkommen und […] sich unter einander erbauen.“

Im Jahr 1811 sah das Bild wieder anders aus, folgt man einem Bericht des Dagersheimer Pfarrers. Jetzt gab es mittlerweile vier Privatversammlungen mit Trennung nach Geschlechtern. Bis in die Nacht beschäftigten sich die Versammelten mit Lesen, Beten und Singen. Diese Versammlungen waren kleinerer Art, niemals umfassten sie mehr als 15 erwachsene Personen. Bei einer damaligen Bevölkerungszahl von ca. 1.000 war das nicht wenig.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde dann der Pietismus zur bestimmenden Kraft im religiösen Leben Dagersheims. Untrennbar damit verknüpft war der aus Schönaich gebürtige Schullehrer Immanuel Gottlieb Kolb (1784-1859). Von 1807 bis 1850 wirkte er als Schulmeister und prägte ganze Generationen von Dagersheimern im pietistischen Sinne. Bei seinen Schülern war er beliebt, da er sehr milde zu ihnen war und es bei ihm eine „angstfreie Schule“ gab. Neben diesem sehr arbeitsreichen Amt, im 19. Jahrhundert hatten der Dorfschulmeister und sein Gehilfe oft mehr als 200 Schüler zu unterrichten, beteiligte er sich an praktischer Glaubensarbeit (Gemeinschaftsstunden) und verfasste auch Schriften. Er vertrat dabei einen gemäßigten Pietismus. Er schrieb über seine anstrengende Arbeit: „Die ganze Woche hindurch habe ich Tag und Nacht wenige Stunden Ruhe. Sonntags geht es aus der Kirche in die Sonntagsschule, dann wieder in die Kirche, von da in die Stunde, dann bin ich bis in die Nacht von Leuten mit verschiedenen Bedürfnissen umgeben; dann geht’s wieder in die Stunde […]“

Die Hahn’sche Gemeinschaft

Kolb war nicht allein. Er wurde von Dagersheimer Mitbrüdern wie Johannes Dieterlen (1778-1849) und Gottlieb Waiblinger (1798-1860) unterstützt. Die Dagersheimer Pietisten verfügten mit der von Kolb geführten örtlichen Sektion der Hahn‘schen Gemeinschaft über einen losen Zusammenschluss. Der Pietismus prägte Dagersheim sehr stark, so verzichteten beispielsweise viele Mitglieder der Hahn‘schen Gemeinschaft, so auch Kolb, auf die Ehe.

Der Tod Kolbs bedeutete nicht das Ende des Pietismus in Dagersheim. Die Brüder Gottlieb Ziegler (1798-1875) und Johann Georg Ziegler (1800-1872) führten sein Erbe weiter. Sie übernahmen die Leitung der örtlichen Hahn’schen Gemeinschaft. Schon zuvor hatten sie in ihrem Elternhaus in der Mühlgasse einen Versammlungssaal für die Erbauungsstunden eingerichtet. Johann Georg war der theoretische Kopf der beiden Brüder, der die Oberflächlichkeit des Glaubens auch bei seinen pietistischen Mitbrüdern heftig kritisierte.

Der Pietismus wurde prägend für Dagersheim und seine Bewohner und ist auch heute noch präsent im Gemeindeleben von Böblingens Stadtteil. Die „Stunden“ der „Hahn’schen Gemeinschaft“ und die Tätigkeiten des „Süddeutschen Gemeinschaftsverbandes“ zeugen davon.

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