Der Arme Konrad in Böblingen

In diesem Beitrag zum Einblick beschäftigt sich Stadtarchivar Dr. Florian mit dem Aufstand des Armen Konrad vor 500 Jahren.

Der Dreschflegel als bäuerliche Waffe

„Wer wissen wöll wie die Sach stand
Itz in dem würtenberger land
Der kauff und leß den spruch zuo hand
Er ist der arm Conrad genandt“

So lautete ein Werbespruch aus dem 16. Jahrhundert für eine Druckschrift. Doch was war der Arme Konrad und was hatte er überhaupt mit Böblingen zu tun? Zunächst bezeichnete der Begriff die Verkörperung des einfachen Mannes bzw. des Untertanen (Gemeinen). Mit diesem Namen bezeichnete sich dann eine – teilweise geheime - Bewegung in der württembergischen Bevölkerung im Jahr 1514, die Verbesserungen für die breite Masse der Untertanen forderte.

Das Leben in Württemberg im Jahre 1514 – also in einer vormodernen Agrargesellschaft - war nicht einfach. Der Ernteertrag war verglichen mit heute sehr gering und schnell kam es zu Missernten, was seit 1508 jährlich vorkam. Hungersnöte waren die Folge. Zudem mussten die Untertanen zahlreiche Abgaben und Dienste leisten, da gab es z. B. Hellerzinse, Gartenzinse, Häuserzinse und Frondienste. Dazu kam noch eine immer drückender werdende herzogliche Verwaltung, die die alten Rechte und Privilegien der Gemeinden einschränkte. Zu guter Letzt wurde den herzoglichen Amtsleuten und Beamten Willkür und Korruption vorgeworfen.

Weitere Lasten aufgebürdet

Und in dieser Situation bürdete Herzog Ulrich (1498-1550) dem Volk noch weitere Lasten auf. Die Staatsschulden betrugen nämlich ca. 900.000 Gulden. Dazu beigetragen hatte die große Hochzeitsfeier mit der bayerischen Herzogstochter Sabina am 2. März 1511, als rund 6.000 bis 7.000 Gäste zwei Wochen lang bewirtet werden mussten.

Deswegen führte Ulrich eine dreijährige indirekte Steuer auf Fleisch ein. Die Gewichte wurden im Zusammenhang damit verringert, so dass z. B. für 30 Prozent weniger Fleisch der gleiche Preis gezahlt werden musste. Den dadurch erzielten Gewinn sollten die Verkäufer an die herrschaftliche Regierung abführen. Das bedeutete eine enorme Preiserhöhung, welche die Armen stärker belastete als die Reichen.

Signal zum Aufstand

Da kam aus dem Remstal das Signal zum offenen Aufstand als Peter Gais, genannt Gaispeter, die neuen Gewichte zuerst in Beutelsbach in die Rems und dann nochmals auf die nach Großheppach führende Straße warf. Jetzt brach der Aufstand aus. In rasender Eile begannen sich in den einzelnen Ämtern die Untertanen dezentral im Armen Konrad zu organisieren.

Auch die Amtsstadt Böblingen, die später 1525 etwa 600 bis 700 Einwohner zählte, wurde vom Aufstand erfasst. Wie in den anderen württembergischen Amtsstädten standen sich hier zwei Gruppierungen gegenüber. Auf der einen Seite die hohen herrschaftlichen Beamten und Mitglieder des Stadtgerichts, dem obersten Gerichts- und Verwaltungsorgan, mit ihren Familien (Ehrbarkeit) und auf der anderen Seite die erwachsenen, hausbesitzenden und männlichen Bewohner Böblingens (gemeine Männer). In den Amtsorten war die gleiche Situation, nur das der dortige herrschaftliche Vertreter Schultheiß und das Gericht Dorfgericht hieß. In Böblingen kam sogar aus der Ehrbarkeit Kritik, denn die Witwe des vormaligen Böblinger Vogts Jerg Gerlach sagte zu anderen Frauen im Waschhaus: "es sig mir kain besser Ding uff gestanden dann den Arm Conrat, denn unser g[nädiger] Her sig ain Narr und handel mit Narren.“

Beschwerden formuliert

Als Herzog Ulrich zur Lösung des Konflikts die Untertanen zur Zusendung von Beschwerden und Forderungen aufrief, kam es dann auch in Böblingen zum Konflikt. Denn die Beschwerden sollten amtsweise gesammelt, aufgeschrieben und dem Herzog vorgelegt werden. In Böblingen ordneten Vogt Erhart Jäger und der vom Herzog eingesetzte Statthalter Wolf von Tachenhausen daraufhin für den 6. Juni eine Amtsversammlung in Böblingen an, wo die Beschwerden formuliert werden sollten. Die Bürger der Stadt Böblingen stimmten dann auch (fast) alle zu. Lediglich zwei waren nicht zur allgemeinen Bürgerversammlung gekommen. Als einer davon, Konrad Schlerrfer, darauf angesprochen wurde, antwortete er verärgert: "Ir vom Rat […] hand gethan als Flaisch Böswicht." Dafür kam er dann in das Gefängnis.

Die Untertanen in den Amtsorten jedoch waren im Armen Konrad organisiert, misstrauten ihrer dörflichen Oberschicht sowie der Böblinger Ehrbarkeit und wollten die Beschwerden nach eigenem Ermessen formulieren. Deshalb riefen sie zu einer Alternativversammlung in Dagersheim („gen Tagerschen“) auf. Dort beschlossen sie nach Sindelfingen zu ziehen, um dort am 5. Juni mit dieser Stadt sich zu beraten. Die Untertanen aus Schönaich und Holgerlingen machten daraufhin einen demonstrativen Zug durch Böblingen nach Sindelfingen und führten als Feldzeichen eine weiße Fahne mit zwei gekreuzten schwarzen Schwertern mit. Als sie gerade in Böblingen waren, dachte der Statthalter Tachenhausen, sie wollten sich hier beraten und ging zu den rebellischen Amtsbewohnern, die wohl auf der Marktstraße vor dem Oberen Tor (Elbenplatz) standen und versuchte sie von einer eigenständigen Versammlung abzubringen. Er fing mit folgenden Worten an zu sprechen: „Lieben gesellen, ich hab verwent [gemeint] ir wöllent zu Böblingen blyben unnd gesellschafft halten […]." Die lieben Gesellen aber gehorchten nicht und zogen einfach nach Sindelfingen weiter.

Eskalation folgte

Als die Holzgerlinger und Schönaicher wieder durch Böblingen zurückzogen eskalierte dort die Situation und es zeigte sich, dass es hier mehr als zwei Sympathisanten des Armen Konrad gab, denn "in derselbigen nacht tettent ettlich von Böblingen sich uffrürig halten“.  Die Anhänger des Armen Konrad versuchten sogar das Schloss zu besetzen und die Stadtschlüssel in die Hände zu bekommen, um auf diese Weise die Befehlsgewalt in der Stadt übernehmen. Es misslang jedoch. Währenddessen trat der Vogt nicht in Erscheinung und blieb vom Statthalter beschützt in seinem Haus, weil er wohl Racheakte befürchtete. Letztlich erreichten Statthalter, Vogt und die Amtsorte eine Einigung. Danach bekamen die Gemeinden (Versammlungen) der Amtsorte mehr Einfluss bei der Formulierung der Beschwerden. Damit war die heiße Phase des Aufstands in Böblingen vorbei.

Der Aufstand flackerte nur noch einmal auf, als der Herzog und die Ehrbarkeit auf einer Versammlung in Tübingen sich auf einen Kompromiss einigten, der die Untertanen benachteiligte (Tübinger Vertrag vom 8. Juli). Daraufhin machten sich einige Holzgerlinger nach Böblingen auf und versuchten Konrad Schlerffer zu befreien. Jedoch vergeblich. Er war schon zuvor frei gelassen worden. Aus Wut feuerten die abziehenden Holzgerlinger noch einige Schüsse ab. Das war es dann mit dem Aufstand des Armen Konrad in Böblingen.

Mit Waffengewalt niedergeschlagen

Der Aufstand wurde im Juli 1514 in Württemberg dann mit Waffengewalt niedergeschlagen. Es gab Todesurteile und andere Strafen. Die Böblinger kamen allerdings recht glimpflich davon. Noch im selben Jahr entschied der Herzog über die Untertanenforderungen des Amtes Böblingen. So erlaubte er, dass sie künftig das Wild von ihren Feldern vertreiben durften. Auch durften sie jetzt ungehindert die Schweine in den Wald zur Eichel- und Bucheckermast treiben, die sie für den Eigenverbrauch benötigten (Trogschweine). So hatte der Aufstand den Bewohnern des Amts doch noch einige Vorteile gebracht.

Noch bis zum 10. Januar 2016 wird im Deutschen Bauernkriegsmuseum in der Zehntscheuer die Ausstellung "Der 'Konrad Konrad' vor Gericht" zu den üblichen Öffnungszeiten präsentiert. Dort ist u. a. auch ein historischer Abdruck des Tübinger Vertrags ausgestellt.

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Dr. Christoph Florian
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