Wiederaufbau und Erhebung zur Großen Kreisstadt

Böblingens zweite Stadtgründung

Urkunde der Landesregierung

Im folgenden Beitrag geht Stadtarchivar Dr. Florian auf die Hintergründe der Erhebung Böblingens zur Kreisstadt ein - ein Ereignis, das sich am 1. Februar 2012 zum 50. Mal jährt. Die damalige Sichtweise steht dabei im Vordergrund. Welche Bedeutung hatte dieses Ereignis für Böblingen, abgesehen von den rechtlichen Folgen? Dazu ein Zitat von Wolfgang Brumme aus seiner ersten wichtigen Rede als Oberbürgermeister: „Die Auszeichnung Böblingens […] betrachten wir als Anerkennung für diese Leistung seiner Bürgerschaft, Wirtschaft und Verwaltung“. Was meinte er damit?

Um das Zitat zu verstehen, muss man in die Zeit des Kriegsendes 1945 zurückblenden. Böblingen lag damals, wie so viele Städte am Boden. Rund 40% der Stadt waren zerstört. Es fehlte an Lebensmitteln, Wohnraum und Heizstoff.

Die Not wurde durch die Aufnahme von Flüchtlingen noch verstärkt

Blick auf die zerstörte südliche Altstadt

Böblingen, das am Kriegsende knapp 10.000 Einwohner hatte, musste allein bis 1948 etwa 2.400 Flüchtlinge aufnehmen. Das Bevölkerungswachstum war enorm. Zwölf Jahre nach Kriegsende wurde im Oktober 1957 die Zahl von 20.000 Einwohnern überschritten. Innerhalb von etwas mehr als einem Jahrzehnt hatte sich die Bevölkerungszahl also mehr als verdoppelt. Zum 1. Januar 1962 schließlich zählte Böblingen 26.301 Einwohner.

Am dringlichsten war die Schaffung von neuem Wohnraum. Das Problem wurde von der Stadtverwaltung mit Unterstützung des Landes und anderer öffentlicher Stellen von zwei Seiten angegangen. Die Errichtung neuer Wohnsiedlungen wurde in die Wege geleitet. 1949/1950 wurde die Siedlung „Krumme Landen“ angelegt. Weitere Siedlungen folgten.

Der zweite Ansatzpunkt war die Altstadt

Arbeiten an der Zwingermauer in der Poststraße

Sie wurde mit großzügigem Grundriss wieder aufgebaut. Das 1948 systematisch begonnene Werk fand mit der Vollendung des neuen Markplatzes 1958 seinen Abschluss. Die Wiedererrichtung der Stadtkirche (1949 bis 1950) und der Neubau des Rathauses (1951 bis 1952) waren die zentralen Bauvorhaben. Die Bilanz war beeindruckend. Bis 1962 gelangt es unter schwierigsten Bedingungen rund 7.500 Wohnungen zu errichten. Eine Leistung, die ohne die Mitarbeit der ganzen Bevölkerung nicht möglich gewesen wäre.

Zugleich wurde der Mangel an Lebensmitteln, Heizstoffen und sonstigen lebensnotwendigen Dingen durch die Auswirkungen des allgemeinen Wirtschaftsaufschwungs in Folge der Währungsreform 1948 allmählich beseitigt. Die Stadtverwaltung trug durch eine erfolgreiche Gewerbeansiedlungspolitik dazu bei (IBM 1949).

Auch der Mangel an Schulräumen wurde angegangen. Die Schülerzahl war nämlich ebenfalls stark angewachsen. Waren es 1945 rund 1.200 Schüler, so wuchs die Zahl bis 1958 auf 2.500. Die einzige 1945 schon vorhandene Schule, die Volksschule in der Gartenstraße (heute Pestalozzistraße), wurde daher 1949 erweitert und neue Schulen errichtet - als erste die Ludwig-Uhland-Schule auf dem Galgenberg (1954).

Über die Stadtgrenzen hinaus

OB Wolfgang Brumme bei
seiner Rede auf dem Festakt

Doch bei allem Bemühen um den Aufbau hatte die Böblinger Kommunalpolitik auch eine Perspektive, die über die Stadtgrenzen hinaus ging. 1956 wurde nämlich die Partnerschaft mit der französischen Stadt Pontoise geschlossen. Durch Verbindungen auf kommunaler Ebene sollten alte Gegensätze und Vorurteile abgebaut und zur Verständigung zwischen den Menschen über die Grenzen hinweg beitragen werden.

Angesichts dieser Dynamik versteht man jetzt die Worte Wolfgang Brummes. Die Verleihung des Titels einer Großen Kreisstadt war der Ausdruck der letztendlich durch die Folgen des Zweiten Weltkriegs enorm beschleunigten, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung Böblingens. Eine Dynamik, die 1962 noch längst nicht ihr Ende finden sollte.

Für den Oberbürgermeister war es sogar noch mehr, er verglich das Ereignis in seiner Bedeutung mit der Stadterhebung Böblingens durch die Pfalzgrafen von Tübingen rund 700 Jahre zuvor. Nach dem Aufbau zu einer Stadt war das mittelalterliche Böblingen damals auch im rechtlichen Sinn zu einer solchen erhoben worden. Aus diesem Blickwinkel war die Stadt Böblingen durch Wiederaufbau seit 1945 und Erhebung zur Großen Kreisstadt 1962 ein zweites Mal gegründet worden.

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Dr. Christoph Florian
Stadtarchiv
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