Ein Mühlenstreit an der Schwippe

In den Beständen des Stadtarchivs Böblingen findet sich ein kleines Bündel Akten mit der Aufschrift „Acta, Dagersheim und die Riethmühle betreffend“ aus der Zeit um Ende des 17. Jahrhunderts.

Die Dokumente führen uns in eine Zeit, als sich die Schwippe und ihre Seitenarme zwischen Sindelfingen und Dagersheim durch ein sumpfiges Tal schlängelten. Bei Unwetter trat der Fluss oft über seine Ufer und verursachte große Schäden. Damals wurde das lebenswichtige Getreide in zahlreichen kleinen, an Wasserläufen gelegenen Mühlen zu Mehl gemahlen. So auch an der Schwippe. Oberhalb von Dagersheim lag dort auf Sindelfinger Gemarkung die 1297 erstmals erwähnte Riedmühle. Sie war damals Eigentum des Stifts Sindelfingen, später der Herrschaft Württemberg. Talabwärts in Dagersheim sind seit dem Mittelalter die Obere Mühle (auch Hintere Mühle) und die Vordere Mühle (auch Niedere Mühle oder Fleckenmühle) nachweisbar. Die Obere Mühle wird erstmals im Jahr 1435 in einer Urkunde genannt, während die Vordere Mühle 1495 schriftlich erwähnt wurde. Im Jahr 1523 gehörte die „hinder Mülin“ Hanns Müller und die „forder Mülin“ Lenhart Schifer.

Die Riedmühle und die Obere Mühle lagen am Mühlgraben

Darstellung der Verhältnisse an
der Schwippe aus der Zeit um 1700

Dieser nördlich der Schwippe gelegene Bach war oberhalb der Riedmühle von der Schwippe abgeleitet und erhöht am Talhang geführt worden, um ein ausreichendes Wassergefälle zu erzeugen. Oberhalb von Dagersheim, noch auf Sindelfinger Gemarkung war vom Mühlgraben dann noch ein Seitenkanal abgezweigt worden. Der Kanal, später Unterer Kanal genannt, mündete unmittelbar unterhalb der Oberen Mühle wieder in den Mühlgraben ein. Die Vordere Mühle stand dann später ihrerseits unterhalb des Zusammenflusses. Durch ein Stauwehr konnte der Seitenkanal vom Mühlgraben abgetrennt und so bei Bedarf der Wasserzufluss zur Dagersheimer Mühle verringert werden.

Die Müller an der Schwippe hatten es nicht leicht.

Links Dagersheim und rechts die Riedmühle am Mühlgraben,
gut erkennbar auch die diagonale Verbindung zwischen
Schwippe und Mühlgraben, während das krumme Verbindungs-
stück zwischen Unterem Mühlkanal und dem Mühlgraben nur mit
Strichen angedeutet ist.

Durch häufige langwährende Trockenheit kam es immer wieder zur Wasserarmut. Stets mussten die Müller Sorge dafür tragen, dass ihren Mühlen ausreichend Wasser zugeführt wurde. Diese Maßnahmen sollten dann zu neuen Problemen und über die Jahrhunderte hinweg aufflackernde Streitereien führen. Der Müller der Oberen Mühle hatte besonders viele Probleme mit dem Wassermangel. Daher bekam er 1435 das Recht, noch auf Sindelfinger Gemarkung einen viereinhalb Schuh – das waren etwa 1,30 Meter – breiten Verbindungsgraben zwischen der Schwippe und dem Mühlgraben zu schaffen. So erhielt letzterer mehr Wasser. Eine „Gießbett“ genannte Staumauer verhinderte, dass das Wasser der Schwippe weiter in das alte Flussbett lief, sondern quer nach Norden dem Mühlbach zugeführt wurde. Lediglich bei Hochwasser gelangte das überschüssige Wasser über das „Gießbett“ in das alte Bett der Schwippe. Weil der Dagersheimer Müller jedoch des Guten zuviel tat und das Stauwehr des Seitenkanals zu hoch war, wurde das Wasser im Mühlgraben zu hoch gestaut. Durch den dabei entstandenen Wasserrückstau lief dann das Mühlrad der Riedmühle schlechter. Schließlich war auch noch der Seitenkanal „verschleumbt“, also verschlammt. Ein wegen dieser Schwierigkeiten im Jahr 1487 berufenes Schiedsgericht verpflichtete den Dagersheimer Müller die Höhe des Wehrs zu begrenzen.

Um das Jahr 1698 gab es dann wieder die gleichen Probleme.

Die Schwippe – heute ein ruhiger Fluss

Wieder war das Stauwehr beim Seitenkanal zu hoch geraten und zusätzlich hatte der Müller der Oberen Mühle auch noch das Gießbett erhöht. Zu allem Überfluss überschwemmte dann noch die Schwippe bei Hochwasser Wiesen oberhalb des Verbindungsgrabens. Das ohnehin schon sumpfige Schwippetal – worauf ja schon der Name Riedmühle hindeutet – wurde noch morastiger. Die Sindelfinger befürchteten, dass ihr Vieh „crepiren“ würde, weil „schleim und ohnrath“ das Gras ungenießbar gemacht hätten. Wie der Streit damals ausging, ist aus den vorliegenden Unterlagen nicht erkennbar. Ein Ende hatte es auf jeden Fall in der Neuzeit. Die Riedmühle wurde 1917 von Daimler aufgekauft und wenig später teilweise abgerissen. Reste blieben noch bis nach 1945 stehen. Auch die Dagersheimer Mühlen sind Vergangenheit und nur noch eine Scheune steht als letzter Zeuge. Selbst das Schwippetal wurde verändert. Der obere Mühlgraben wurde 1931 zugeschüttet und auch dem unteren Mühlgraben widerfuhr bis 1980 das gleiche Schicksal. Es wurden umfangreiche Maßnahmen gegen die Hochwassergefahr durchgeführt. So verbreitet die Schwippe auf ihrem Weg nach Dagersheim heute keinen Schrecken mehr.

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