Die Unterstadt und ihre Geschichte

Von der Feldflur "under der Statt" zum urbanen Quarier

So modern die heutige Unterstadt ist, so hat doch auch sie eine geschichtliche Vergangenheit. Schon 1523 ist im Lagerbuch von einer Flur „under der Statt“ die Rede. Das Gebiet erstreckte sich unterhalb der ummauerten Stadt im Bereich zwischen der heutigen Bahnhofstraße und der Wolfgang-Brumme-Allee. Es bestand aus Äckern und Wiesen und war bis in das 19. Jahrhundert hinein praktisch unbesiedelt. Die Erweiterung der Stadt über ihre Mauern hinaus hatte sich bis dahin auf die untere Vorstadt im Bereich der Poststraße, der oberen Vorstadt im Bereich der heutigen Marktstraße und am Postplatz konzentriert.

Blick vom Elbenplatz in die Bahnhofstraße

Geburtsstunde der heutigen Unterstadt war die Anbindung Böblingens an die Eisenbahn 1879

Nach heftigem Streit zwischen Böblingen und Sindelfingen hatte man sich geeinigt, den Bahnhof zwischen den Städten zu errichten. Aus topographischen Gründen musste dabei die Bahntrasse nördlich der Stadt durch sumpfiges Gelände am Mühlbach auf einem künstlichen Damm geführt werden. Der Bahnhof wurde genau dort angelegt, wo der künstliche Damm auf ebenes Gelände traf.

Der Bedeutung des Böblinger Bahnhofs wurde im Laufe der Zeit immer wichtiger. Um 1900 war der Böblinger Bahnhof Umschlagplatz für jährlich rund 300.000 Reisende. Mit weiteren Bahnlinien nach Weil im Schönbuch (1910), nach Sindelfingen (1914), Renningen (1915) und Schönaich (1922) wurde Böblingen zu einem regionalen Eisenbahnknoten.

Im Areal zwischen Altstadt und neuem Bahnhof sollte sich dann die Unterstadt entwickeln. Deren heutiger rasterförmige Grundriss hatte dabei seine Ursache in der Ausrichtung der Straßen auf den neuen Bahnhof. Die direkte Verbindungslinie zwischen dem Unteren Tor als Ausgang der Altstadt und dem neuen Bahnhof wurde zur Bahnhofstraße, während die Talstraße parallel zu den Bahngleisen angelegt wurde. Die Karlstraße wiederum verband das Areal der Zuckerfabrik mit dem Bahnhof. Die Neue Sindelfinger Straße (heute Wolfgang-Brumme-Allee), welche die Verbindung vom Bahnhof nach Sindelfingen darstellte, wurde hingegen von der Böblinger Stadtkirche auf Sindelfingen bzw. auf den Turm der Martinskirche ausgerichtet. Schließlich gab es noch die (Alte) Sindelfinger Straße mit ihrem alten Verlauf, welche das neue Viertel nach Nordosten abschloss.

Zunächst bildete sich in den zwei Jahrzehnten bis 1900 beim Bahnhof eine Industrie- und Gewerbezone. Sie war das Ergebnis einer erfolgreichen städtischen Gewerbeansiedlungspolitik. Der bedeutendste Betrieb, der sich ansiedelte, war die Mechanische Trikotweberei Ludwig Maier & Co aus Stuttgart (1886). Mit ihrem 1912 erfundenen Hautana-Büstenhalter wurde sie Marktführerin. Ebenfalls von außerhalb stammte die Möbelfabrik Wilhelm Renz (1914). Anderen in Böblingen beheimateten Unternehmen wie die Schuhfabrik von Sauer und Wanner (1893) oder die Chemischen Fabrik Bonz (1878), welche den Narkoseäther entwickelte, konnten Areale im entstehenden Gewerbegebiet angeboten werden. Firmen wie die Strickwarenfabrik Lenz & Co. (1888) oder die Spielwarenfabrik Kindler und Briel (1895) hatten schließlich ihren Ursprung im Gewerbegebiet.

Um 1900 bot das Gewerbe- und Industriegebiet um den Bahnhof rund 1.000 Arbeitsplätze

In einem 1913 erschienenen „Fremdenführer“ heißt es: „Vom Hauptbahnhof wendet man sich durch die Bahnhofstraße nach Süden der Stadt zu, die größeren gewerblichen Etablissiments […] zur Rechten lassend.“ Prägend für den Baustil des geschäftigen Quartiers waren unverputzte Backsteinbauten. Natürlich hatte der Boom auch seine Kehrseiten und es gab soziale Probleme, so waren z.B. die Löhne in Böblingen Ende des 19. Jahrhunderts durchschnittlich um ein Drittel niedriger als in Stuttgart.

Die Überlegungen zur Gestaltung des Bereichs erschöpften sich nicht nur in der Anlage eines Gewerbegebiets. Der Abgeordnete Otto Elben machte sich frühzeitig Gedanken über die städtebauliche Ausgestaltung der künftigen Bahnhofstraße. Die Häuser sollten „in die richtige Linie gebaut“ werden „damit im Laufe der Jahre […] eine schöne Straße entstehe, mit der Stadt zu einem harmonischen Ganzen verbunden“. Eindrucksvoll zeigt der abgebildete Bebauungsplan von 1900/1903 wie weit die Planungen gingen.

Zwischen Bahnhof und Altstadt, Austraße und Sindelfinger Straße sollte das Geschäfts- und Gewerbequartier mit seinen vielen unbebauten Grundstücken zu einem vollgültigen Stadtviertel ausgebaut werden. Doch konnten die Planungsansätze nur allmählich realisiert werden, die Wohnbebauung blieb vorerst gering.

Ein weiterer Entwicklungsschub kündigte sich 1915/1916 mit der Anlage des Militärflughafens jenseits des Bahnhofs auf dem heutigen Flugfeld an. In dessen Nachfolge entstand der Landesflughafen Stuttgart-Böblingen (1925). Dadurch wurde Böblingens Bedeutung als Verkehrsknotenpunkt noch gesteigert. In der Folge siedelte sich mit der Firma Leichtflugzeugbau Klemm (1926) ein weiterer Gewerbebetrieb an, dessen Produkte Weltruf erlangten. Das Gebiet der heutigen Unterstadt wiederum wurde als verbindendes Element zwischen Altstadt und den Verkehrsknotenpunkten und deren angelagerten Gewerbegebieten noch wichtiger.

Ab etwa 1960 begann sich der industriell geprägte Stadtteil zu wandeln. Immer stärker wurde das Gebiet vom großflächigen Einzelhandel und Dienstleistungsbetrieben geprägt. Ein Meilenstein bedeutete in diesem Zusammenhang die Eröffnung des Einkaufszentrums 1967. Der wachsende Verkehr erforderte allerdings neue Konzepte.

Bebauungsplan 1900/1903

Eine dritte Entwicklungsphase setzte 1985 ein

Die durch den Wegzug von Industriebetrieben entstandenen Brachflächen wurden zu gemischten Quartieren mit Wohn- und Dienstleistungsnutzungen. Die Bebauung des Hautana-Geländes (1994) markierte diesen Wandel eindrücklich. Zugleich verlor der Einzelhandel seine dominierende Stellung im Verhältnis zum Umland.

In der Gegenwart hat eine neue Phase in der Geschichte der Unterstadt begonnen. Durch kommunale und private Baumaßnahmen wird die Unterstadt wieder eine attraktive Flanier- und Einkaufsmeile erhalten.

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