Früher war nicht alles besser: Anmerkungen Dr. Lechlers zur Bevölkerungsstatistik von 1867

In dieser Ausgabe des Einblicks in die Stadtgeschichte geht Stadtarchivar Dr. Christoph Florian dem traurigen Kapitel der Säuglingssterblichkeit in früheren Zeiten nach.

Als die württembergische Bevölkerungsstatistik des Jahres 1867 erschienen war, fühlte sich der Oberamtsarzt Dr. Martin Christoph Lechler verpflichtet, im Böblinger Boten im März 1868 nicht nur einige Zahlen daraus wiederzugeben, sondern sie auch zu kommentieren. Was waren die Gründe?

Als Oberamtsarzt (1861-1898) war Lechler u. a. für das allgemeine Gesundheitswesen des Oberamts Böblingen (Vorgänger des Landkreises) zuständig. Daher griff er zur Feder, als die statistischen Zahlen Zeugnis über die hohe Kindersterblichkeit (Säuglingssterblichkeit) im Oberamt ablegten. 1867 wurden dort bei 24.512 Einwohnern von 1021 Müttern 1035 Kinder geboren. Von den 993 lebendgeborenen Kindern starben innerhalb des ersten Lebensjahres erschütternde 310 oder 31 Prozent. Was Lechler dabei besonders erbitterte, war die Tatsache, dass die Säuglingssterblichkeit in Württemberg mit fast einem Drittel höher war, als im deutschen und europäischen Durchschnitt, wo sie etwa ein Viertel betrug. Rund zehn Jahre später starben in der Stadt Böblingen, die um diese Zeit (1880) 4.365 Bewohner zählte, von den im Jahr 1879 lebendgeborenen 179 Kindern mindestens 51 (28,5 Prozent) innerhalb eines Jahres.

Eine hohe Sterberate und ihre Ursachen

Das neue Bezirkskrankenhaus - ein Symbol des medizinischen Fortschritts

In seinen Artikeln erläuterte Lechler die Ursachen für die hohe Sterberate und gab praktische Gesundheitstipps. Die Beiträge sind vor dem Hintergrund, einer noch am Anfang stehenden modernen medizinischen Forschung zu sehen. Die Ursachen vieler Krankheiten waren Lechler nicht bekannt. In den Artikeln wurden die tödlichen Krankheiten kaum thematisiert, doch die Ausführungen zeigen, dass es vor allem Erkrankungen der Verdauungssysteme und der Atmungsorgane waren. Auch weisen sie auf eine der Ursachen der in Süddeutschland verhältnismäßig hohen Säuglingssterblichkeit hin, nämlich dass die Mütter dort ihre Säuglinge verhältnismäßig wenig stillten und stattdessen mit Kuhmilch und Brei fütterten. Auch wenn der Forschungsstand verhältnismäßig dürftig war, so waren die konkreten Verbesserungsvorschläge – gemessen an den damaligen Umständen - dennoch hilfreich.

Nach Lechler gab es zwei „Hauptklassen“ von Ursachen für die hohe Kindersterblichkeit und zwar „moralische und physische“. Zu den ersteren Ursachen - man könnte sie auch als langfristige Einstellungen der Eltern bezeichnen - zählte er zum einen die „Affenliebe“, also die Verwöhnung von Kindern, besonders bei den höheren Schichten, noch verbreiteter hingegen war die allgemeine Gleichgültigkeit und Vernachlässigung von Kindern. Erst wenn sie als Arbeitskräfte in der „Haushalthaltung, im Gewerbe oder auf dem Felde“ taugten, wurden sie geschätzt.

Dann waren im Krankheitsfalle die Meinungen weit verbreitet, dass die Kinder „im Himmel besser aufgehoben“ wären als im „irdischen Jammerthal“ und daher kein Arzt gerufen oder ärztliche Anweisungen nicht ausgeführt wurden. Jedoch steckte nach Lechler in vielen Fällen der „Geizteufel“ und die Furcht vor möglichen Unkosten dahinter. Schädlich war auch der Irrglaube, dass jegliche Krankheit bei Kleinkindern auf das Zahnen zurückzuführen wäre. Sogar bei wenigen Wochen alten Kindern sahen die Mütter das „Zahnungsgespennst“ als Krankheitsursache und nahmen dies laut Lechler als Vorwand, nichts gegen die Krankheit zu tun. Und tat man was gegen die Beschwerden beim Zahnen, wurde den Kleinen häufig Wein verabreicht.

Mit „physischen“ Ursachen bezeichnete Lechler die unmittelbaren Verhaltensweisen, die den Ausbruch von Krankheiten beförderten. So wurden die gegen äußere Einflüsse äußerst empfindlichen Säuglinge der Kälte ausgesetzt, indem sie z. B. schon einen Tag nach der Geburt bei Wind und Wetter in die Kirche zur Taufe gebracht wurden. Oft wurden Kleinkinder an kühlen Tagen nur leicht bekleidet mit nach draußen genommen und zogen sich dann eine Hals- oder Lungenentzündung zu. Er zitierte in diesem Zusammenhang den Volksspruch: „Kinder und alte Leute haben wenig innere Wärme“.

Ein trübes Kapitel war auch die Ernährung. Oft bekamen die bemitleidenswerten Kleinen schon in den ersten Lebenstagen Mehlbrei, der häufig mit Butter, Schmalz und Eiern gekocht worden war. Der Brei wurde zudem noch für zwei oder mehr Tage auf Vorrat zubereitet. Dieses zweifelhafte Nahrungsmittel wurde dann den Säuglingen in großen Mengen verabreicht. Schrien sie dann wegen der dabei fast unvermeidlichen Bauchschmerzen und Blähungen, wurde dies als Hunger gedeutet und man gab ihnen noch mehr Brei. Stattdessen propagierte Lechler das Stillen (wenn es möglich war) und bezeichnete Muttermilch als „das beste und durch nichts zu ersetzen.“ Als Alternative empfahl er z. B. mit Anis- oder Fencheltee gemischte Kuhmilch.

Der „Schlotzer“

Ein weiteres Problem waren „Schlotzer“, die Vorläufer des heutigen Schnullers. Es handelte sich dabei, um mit Lebensmitteln gefüllte Tücher, die man den Kindern zur Beruhigung gab. Während jedoch Lechler feinen Zwieback oder aus feinen Mehl und ein wenig gezuckerten Anistee gebackenes Brot empfahl, wurden oft „saure Wecken“ oder schwarzes „Brod“, in das die Mutter oder das Kindermädchen hineingebissen hatten, sowie Kandiszucker genommen. Positiv vermerkte der Oberamtsarzt, dass (zur Ruhigstellung der Kinder) nur selten „Klepperlesthee“ (Mohntee) verwendet wurde. In diesem Zusammenhang muss Lechler noch dahingehend ergänzt werden, dass viele Mütter aus ärmeren Schichten gezwungenermaßen ihre Säuglinge ruhigstellten, da sie im Haushalt oder in der Landwirtschaft arbeiten mussten. Sie hätten sich wohl viel lieber ihren Kindern gewidmet.

„Aepfelschaalen oder Zucker“

Bei den ärmeren Schichten mussten die Kinder das Zimmer oft mit mehreren Personen und sogar noch Hühnern teilen. Das Räuchern mit „Aepfelschaalen oder Zucker“ verdeckte allenfalls den Gestank. Lechler regte an, die Räumlichkeiten regelmäßig zu lüften und die Kinder täglich wenigstens zweimal zu waschen und sie hin und wieder zu baden. Im Zusammenhang mit der Körperhygiene bei Säuglingen ging Lechler auf die soziale Problematik ein, in dem er einräumte, dass den ärmeren Schichten oft die Möglichkeiten und die Zeit dafür fehlten.

Zusammenfassend empfahl Lechler die Kinder erst im Alter von etwa einem Jahr langsam und vorsichtig an die Kälte zu gewöhnen. Beim Essen und Trinkein sowie in ihrer ganzen Behandlung sollte „eine große Ordnung“ bewahrt werden.

Die Artikelserie endet mit der Hoffnung, dass „vom Schwabenland und Schwabenvolk der schmachvolle Vorwurf: ‚in ganz Europa lasse es die meisten kleinen Kinder durch grobe Vernachläßigung sterben,‘ genommen werde.“ Dank der modernen Medizin, Fortschritten in der Säuglings- und Kleinkinderpflege sowie der verbesserten Ernährung und sozialen Bedingungen kam es dann auch so. Eine kleine Böblingerin oder ein kleiner Böblinger, die heute das Licht der Welt erblicken, haben sehr gute Chancen alt zu werden. Die Sterblichkeit bei Kindern bis zu einem Jahr lag in Baden-Württemberg im Jahr 2014 nämlich bei 0,3 Prozent und wird hoffentlich noch weiter sinken.

Die Redaktion bedankt sich herzlich bei Martina Elegban für fachliche Hinweise und Kritik zum Thema.

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