In Böblingen geht’s nicht mit rechten Dingen zu – Gespensterglaube in der alten Zeit

Im vorliegenden Einblick in die Stadtgeschichte beschäftigt sich Stadtarchivar Dr. Christoph Florian mit dem Volksglauben Böblingens im 18. Jahrhundert.

Folgende Ausführungen basieren hauptsächlich auf der Veröffentlichung „Böblingen im Banne des Aberglaubens“ des ehemaligen Böblinger Amtsleiters Erich Kläger, der sich mit diesem und anderen Werken um die Böblinger Stadtgeschichtsschreibung verdient gemacht hat. In dieser Publikation untersuchte Kläger einen Vorfall und dessen Hintergründe, als einige Böblinger für ihre illegale Schatzsuche magische Hilfe suchten.

Unter den Dächern der idyllischen Amtsstadt konnte es auch unheimlich werden.

Skandal in Böblingen

Im Jahr 1738 gab es in Böblingen einen Skandal. Herzog Karl Alexander von Württemberg war empört. Ende des genannten Jahres berichteten nämlich der Dekan Eberhard Rühlin (Vorsteher des Pfarrbezirks) und der Vogt Georg Christian Ulmer über okkulte Praktiken im beschaulichen Amtsstädtchen. Mit Hilfe des Christophelesgebets, einer Art Bitte um magische Hilfe, war in Böblingen versucht worden, einen Schatz zu finden. Es waren vor allem Angehörige der damaligen Mittel- und Unterschicht verwickelt, jedoch mit dem Heiligenpfleger (Verwalter des Kirchenvermögens) und Ratsmitglied Johann Michael Wurster auch ein Mitglied der städtischen Elite. Die Obrigkeit führte eine umfangreiche Untersuchung durch, zahlreiche Personen wurden befragt. Die Sache endete damit, dass über etliche Personen Haft- oder Geldstrafen verhängt wurden und eine Person ihr Amt verlor. Der Dekan und der Vogt bekamen ein herzogliches Donnerwetter ab, verwahrten sich jedoch gegenüber den herzoglichen Schuldvorwürfen. Im Zusammenhang mit dieser – erfolglosen – Schatzsuche berichtete u. a. der Hauptangeklagte, der Färber Friedrich Hartranft, auch von diversen Geister- oder Gespenstererscheinungen. Auf diese soll hier näher eingegangen werden.

Übernatürliche Erscheinungen oder besser gesagt der Glaube daran waren im 18. Jahrhundert in der Bevölkerung weit verbreitet. Die Regierungen in Württemberg und anderswo versuchten, im 18. Jahrhundert – in der Zeit der beginnenden Aufklärung – solchen Glauben bzw. die daraus resultierenden Praktiken zu unterdrücken. Doch in breiten Bevölkerungsschichten – auch in den gehobenen Ständen – war der Volksglaube noch stark verankert. Der Glaube an die Magie und übernatürliche Kräfte spiegelt wohl oft Ängste vor unerklärlichen Phänomenen oder solchen, denen man hilflos ausgeliefert war (z. B. Krankheiten), wider.

Spuk auf dem Friedhof

Das Ganze hatte ein Vorspiel. Um 1724 hatte sich auf dem Kirchhof (Friedhof), der damals im Bereich der heutigen Paul-Lechler-Schule und des Feierraums gelegen war, auf dem Grab einer kurz zuvor verstorbenen Frau ein Gespenst gezeigt. Die Nachricht zog jede Nacht zahlreiche Schaulustige an. Deshalb musste der Pfarrer auf Befehl des Herzogs zur Unterbindung der Vorkommnisse eine Predigt mit dem Titel „Von den Nachtgeistern und des Sathans darunter spielenden Petrügereyen […]“ halten.

Bei den Verhören 1738 berichtete Hartranft, dass in seinem Haus (in der Vorstadt) ein „Gespenst“ sich zeigte. Mehr als zehnmal soll es ihm erschienen sein. Es erschien in einem „weißlechten Kleid“ und trug eine „Scherppen [Schärpe] über die Achsel“. Diese Schärpe glänzte wie „Edelgestein“. Als Hartranft, im Bett liegend, es einmal ansprach und ein Zeichen von ihm erbat, gab es drei „Knäll“ (Knalle) auf seinem Betttuch.

Näheres zur Beschreibung des Hausgeistes konnte dann Katharina Huber, die Magd im Hause Hartranft, beitragen. Oft habe sie ihn gehört und gespürt. Sie berichtete auch, dass sie einmal die Stube verließ und ihr dabei der Geist in einem „weiß-grauen Kleid“, den Hut unter dem Arm, auf der Stiege begegnet war. Das Gespenst hatte – so Katharina – weißes Haar oder eine „weisse Peruquen“ (Perücke) gehabt. Als sie sich einmal im Stall aufhielt, war es wie ein Schatten neben ihr hergegangen. Einmal besuchte der unerwünschte Hausgeist die geplagte Magd in ihrer Kammer und hat dort sehr „gepoldert“ und die Tür „auff und zu geschmissen“, sodass die Arme sich in die Stube (Wohnzimmer) geflüchtet und dort in ein Bett verkrochen hatte. Auch Hartranfts Schwiegersohn, der bekannte Büchsenmacher (Gewehrhersteller) Johann Georg Lauser, befürchtete wegen des Hausgeistes noch seinen letzten Gesellen zu verlieren.

Ein Knall, das wars

Um den Geist loszuwerden, lud Hartranft verschiedene Leute ein, die den lästigen Mitbewohner vertreiben sollten. Ein richtiger Erfolg stellte sich allerdings nicht ein. So ließ er einen Pfarrer kommen und als dieser das Gespenst beschwor, ließ es einen Knall auf der Stiege vernehmen, das war dann alles.

Vielleicht hat Hartranft auch den ganzen Hausgeist nur erfunden, um sein eigentliches Vorhaben, die Schatzsuche, zu verschleiern. In dem Verhör beharrte er auf jeden Fall, dass die ganzen dubiosen Geisterjäger in seinem Haus keine Schatzsuche veranstaltet, sondern nur versucht hätten, das Gespenst zu vertreiben. Denn hier lag für die verhinderten Schatzgräber noch eine weitere rechtliche Falle, alle vergrabenen Schätze, egal ob sie auf öffentlichem oder privatem Gelände lagen, gehörten dem Herzog bzw. dem Staat. Das ist übrigens – wenn ein wissenschaftliches, künstlerisches oder heimatgeschichtliches Interesse der Öffentlichkeit besteht (archäologische Funde) – auch heute noch so (Schatzregal).

Zumindest für das Haus Hartranft hatte diese Staatsaffäre auch etwas Gutes. Seit der offiziellen Untersuchung der Sache war das Böblinger Gespenst verschollen bzw. taucht nicht mehr in den amtlichen Akten der herzoglichen Verwaltung auf.

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