Schlange und Stern – Das Dagersheimer Wappen

Die Geschichte des Ortswappens von Dagersheim steht im Zentrum des aktuellen von Dr. Christoph Florian verfassten Beitrags zum Einblick in die Stadtgeschichte.

Das Wappen in seiner heutigen Fassung

„In Silber drei bis zur Schildmitte gestürzte rote Spitzen, die mittlere belegt mit einem sechstrahligen goldenen Stern, darunter eine sich schlängelnde golden gekrönte rote Schlange.“ So wird im Wappenbuch des Landkreises Böblingen, auf dessen Ausführungen der vorliegende Artikel zu einem wesentlichen Teil beruht, das Dagersheimer Ortswappen in der Fachsprache der Heraldik (Wappenkunde) beschrieben. Doch wann ist dieses bemerkenswerte Wappen entstanden und woher kommen die einzelnen Wappenfiguren?

Das „gemain Insigel“

Was das Alter betrifft, so ist das Wappen in der Gestalt eines Siegelabdrucks erstmals 1499 nachweisbar. Denn in dem genannten Jahr verkaufte ein Henslin Schmid aus Dagersheim die Einnahmen von mehreren Äckern für 40 Pfund Heller (9600 Heller) an einen Junker Hans Wirtemberger. Der Schultheiß und die Richter (Gemeinderäte und Dorfrichter) von Dagersheim beglaubigten die Urkunde, indem sie das „gemain Insigel“ (Gemeindesiegel) an das Dokument „tun hencken“. Das geschah am „Dornstag nach Sant Othmars deß hailigen Abts Tage“, also am 21. November 1499. Der damals entstandene Wachssiegelabdruck ist samt der Urkunde erhalten und liegt im Hauptstaatsarchiv in Stuttgart.

Zur Entstehung des Wappenmotivs gibt es eine schöne Sage. Danach soll ein Herzog Richard von Schwaben einstmals, als er bei Tagesanbruch  - der durch das Erscheinen des Morgensterns angekündigt wird – die Schwippe erreicht hatte, diese Stelle als „Tag her schain“ (Tag erschein) bezeichnet haben. Daraus entstand dann der Ortsname Dagersheim (1499: „Taghershain“). Im Fluss lebten jedoch Schlangen, Kröten, Eidechsen und andere kriechende Tiere. Daraufhin flehte Richard den heiligen Fridolin († 538) um Hilfe an, der die Gebete erhörte und das unerwünschte Getier vertrieb. So kam es, dass auf dem Dagersheimer Wappen eine Schlange und ein Morgenstern abgebildet sind. Soweit die Sage, welche auf fantasievolle Weise die Herkunft des Ortswappens zu erklären versucht.

Fridolin und die Schlange(n)

Die Ursprünge der Schlange liegen jedoch nach den Forschungen des früheren Herrenberger Stadtarchivars Dr. Roman Janssen vermutlich in der Verehrung des heiligen Fridolin, Patrons (Schutzheiligen) der Ortskirche, im damals noch katholischen Dagersheim. Der im 15. Jahrhundert in Dagersheim populär gewordene Fridolin wurde wiederum mit der Legende des heiligen Pirmin († 753) in Verbindung gebracht, nach der Letzterer Kröten, Schlangen und anderes Gewürm (Synonym für das Böse) von der Bodenseeinsel Reichenau vertrieben haben soll. Die Wundergeschichte des Pirmin war also von der Reichenau an das Schwippeufer verlegt und mit der Person Fridolins verknüpft worden. Noch heute ist übrigens eine Abbildung dieses Heiligen samt Schlange auf einem Schlussstein des 1491 vollendeten Chors der Dagersheimer Kirche zu sehen.

Der Stern auf dem Ortswappen wiederum wird sich wohl auf das Wappen der Herrn von Dagersheim beziehen. Dieses Geschlecht stammte vermutlich ursprünglich aus dem Ort und benannte sich nach ihm. Es führte im Wappen neben einem untergehenden Mond einen sechsstrahligen Morgenstern.

Ein Hufeisen kommt dazu

Das Ortswappen änderte sich immer wieder und enthielt um die Mitte des 19. Jahrhunderts neben Stern und Schlange auch ein Hufeisen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zeigte dann das Wappen lediglich ein Hufeisen unter einen fünfstrahligen Stern. Später kehrte man zur Schlange zurück. Der seit 1890 gebrauchte Gemeindestempel zeigte so neben dem vertrauten Motiv als Schildhalter einen Engel und unterhalb des Schildes ein Hufeisen. 1923 empfahl dann die württembergische Archivdirektion „das Wappen mit gestürzten roten Spitzen und blauer Schlange in silbernem Feld.“  Durch ein Missverständnis wurde jedoch im Jahr 1927 von der Gemeinde angenommenen Wappen die Schlange „linkshin liegend“ abgebildet und die Jahreszahl 1499 in das Schild aufgenommen. Mit „links“ wird hier die vom Betrachter aus rechte Seite des Wappens bezeichnet. Denn in der Heraldik erfolgt die Beschreibung vom Wappen bzw. vom Standpunkt des Schildträgers und nicht von dem des Betrachters aus. Diese Regel stammt noch aus einer Zeit, als das Wappen auf dem Schild (aufgemalt) im Kampf oder auf dem Turnier getragen wurde.

Das Jahr 1955 brachte dann eine neuerliche Veränderung des Wappens. Die baden-württembergische Landesregierung verlieh der Gemeinde Dagersheim nämlich am 20. Juni 1955 das Recht, das im ersten Abschnitt dieses Beitrags beschriebene Wappen sowie eine Flagge in den Farben „Rot-Weiß“ zu führen. Seitdem züngelt die rot gewordene Dagersheimer Schlange (heraldisch korrekt) nach rechts und der Morgenstern kam auch wieder auf das Wappen zurück.

Auch nach der Eingemeindung Dagersheims nach Böblingen 1971 wird das Wappenmotiv verwendet. So prangt es auf dem Dagersheimer Mitteilungsblatt und anlässlich von Gemeinderatswahlen sowie Bürgerversammlungen wird auch die Ortsfahne aufgezogen.

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