Böblingen in Not: eine kleine württembergische Amtsstadt und der Dreißigjährige Krieg (1618-1648)

Im aktuellen Einblick in die Stadtgeschichte schildert Stadtarchivar Dr. Christoph Florian die Leiden Böblingens im Dreißigjährigen Krieg.

In diesem Jahr jährt sich zum vierhundertsten Mal der Beginn des Dreißigjährigen Kriegs. Auslöser war der Aufstand der überwiegend protestantischen böhmischen Stände (Volksvertretung) gegen die katholisch-habsburgische Herrschaft gewesen. Begonnen hatte er mit dem „Prager Fenstersturz“ am 23. Mai 1618 als protestantische Vertreter der Ständeversammlung in die Prager Hofkanzlei (Regierungsgebäude) eindrangen und die Regierungsvertreter aus dem Fenster warfen. Diese hatten Glück und überlebten. Weniger Glück hatte Mitteleuropa, in der Folge begann im Reich ein grausamer Krieg zwischen der katholischen Partei unter der Führung des Kaisers aus dem Haus Habsburg und der protestantischen Seite, der drei Jahrzehnte tobte und Millionen Menschenleben forderte. Da die Söldner, welche die Heere bildeten, neben dem Sold vor allem von der Beute lebten, kam es zu fürchterlichen Plünderungszügen. Als fremde Mächte wie Schweden und Frankreich auf Seiten der Protestanten in den Krieg eintraten, wurde er zu einem europäischen Krieg.

Die Schlacht von Nördlingen

Bildnis Johann Wilhelm  Gmelins

Auch Böblingen sollte bitter unter diesem Krieg leiden. Am 5./6. September 1634 hatten kaiserlich-katholische Truppen die Schweden in Nördlingen geschlagen. Das protestantische Herzogtum Württemberg war ihnen jetzt schutzlos ausgeliefert. In kürzester Zeitung tauchten die katholischen Truppen in Böblingen auf und plünderten vom 8. bis zum 12. September die Stadt. In dem von Georg Wacker verfassten Werk „Der Bezirk Böblingen einst und jetzt“ (1910) heißt es dazu: „Kroatische Reiter entrissen den erschrockenen Einwohnern Geld, Wertsachen, Gold- und Silberschmuck sowie allerlei Hausgerät. Als das Haus des Spezials, also des ersten Pfarrers der Stadtkirche, Johann Wilhelm Gmelin geplündert worden war, nahmen die Soldaten den Geistlichen gefangen, um Geld zu erpressen. Am anderen Tag trieben sie den Gefangenen über die Fildern ins Neckartal und von da an nach Feuerbach, wobei er fortwährend mit Säbel und Pistole bedroht wurde. Gegen die Zahlung von 300 Gulden wurde er dann nach zweitägiger Gefangenschaft entlassen. Die Raubzüge sollten jedoch noch weitergehen. Kaiser Ferdinand II. (regierte 1619-1637) hatte die Städte Böblingen und Leonberg seinem General Matthias Gallas (1588-1647) geschenkt. Als dann Herzog Eberhard III. von Württemberg (regierte 1628-1674) sein Land wieder in Besitz nahm, plünderten die Truppen des Generals am 23. April 1638 Böblingen gründlich. Danach war die Stadt „von Leuten und Gütern meistens entblösset“.

Große Probleme bereiteten auch die Winterquartiere. Dabei quartierten sich die Truppen in die Stadt ein und drangsalierten die Bewohner, welche ihre Peiniger auch noch mit Nahrungsmitteln versorgen mussten. So mussten die geplagten Stadtbewohner in den Jahren 1635 und 1636 die Winterquartiere der Truppen des kaiserlichen Generals Octavio Piccolomini (1599-1656) ertragen, welche monatlich 1.000 Gulden Kosten verursachten. Das war eine große Belastung für die wirtschaftlich am Boden liegende Stadt. 1638 war – wie oben erwähnt – eine vollständige Plünderung noch dazu gekommen. Es war kein Wunder, dass das öffentliche Leben zusammenbrach. Da der Präzeptor (Lehrer) fehlte, fand die Lateinschule (Gymnasium) nicht statt, die Geistlichen „müßten Not, Hunger und Kummer leiden, die Stadtdiener unbesoldet herumziehen, die Tag- und Nachwächter, die Feld- und Waldschützen, die Bettel- und Stadtknecht könnten nicht besoldet werden.“ Sogar die Versorgung mit Wasser war gefährdet.

Viele Böblinger waren in größere Städte geflohen. In einem Schreiben berichteten die Stadtoberen, dass andere „unter Einsetzung von Leib und Leben die Quartiere ausgehalten“ hätten und „nit wegen jeder trüben Wolke Haus und Hof mit dem Rücken angesehen, den großen Städten zugeloffen.“ Sie berichteten, dass diese mit ihrer Haue (Hacke) die Felder bebauten und mangels Zugvieh „mit ihren Leibern den Pflug gezogen“ hätten, so dass ihnen „das Blut möge zu den Nägeln ausfließen“. Die Ernährungslage war katastrophal. Wegen der Teuerung konnten viele Bewohner sich kein Getreide leisten, deshalb wurden Eicheln gemahlen und zu Brot verarbeitet. Die Hungernden „suchten Nesseln und Schnecken und stritten um das Fleisch der gefallenen Pferde“.

Die Seuche

Doch der Krieg hatte neben Armut und Hunger noch weitere Begleiter, die ihren Tribut forderten: Krankheiten und Seuchen. In der Chronik des Sindelfinger Stadtschreibers Johann Wilhelm Löher wird die Katastrophe drastisch geschildert. Danach hatte die Seuche, man weiß heute nicht, um welche Krankheit es sich handelte, im Juli 1635 begonnen und bis in den September angehalten. In Sindelfingen soll es 800 Todesopfer gegeben haben. Auch für Böblingen gibt es eine Quelle, welche das Wüten der Seuche wiedergibt. Es handelt sich dabei um ein vom Pfarrer geführtes Verzeichnis von Stiftungen am Ende des Kirchenbuchs. Es wurden ohne Angabe der Todesursache nur diejenigen darin aufgeführt, die wegen ihrer tödlichen Erkrankung eine Stiftung gemacht hatten oder für die eine Stiftung gemacht worden war. Man findet darin vor allem die Toten der wohlhabenderen Schichten wieder. Dabei wurde Gmelin zum Chronisten in eigener Sache. Zuerst starb seine Ehefrau Anna, dann folgte am 25. September 1635 im Alter von 21 Jahren sein Sohn Lukas. Im Dezember des gleichen Jahres schrieb dann eine andere Hand in das Verzeichnis: „Der ehrwürdige und hochgelehrte Herr Magister Johann Wilhelm Gmelin, Spezial und Pfarrer allhie zu Böblingen, ist selig dem Herrn entschlafen.“ Ganze Familien wurden ausgelöscht. So starb am 21. Juli 1635 Martha Jäger, die Ehefrau des Forstmeisters, einen Tag darauf er selbst. Fünf Wochen später folgte dann ihr einziges Kind ein kleiner Sohn.

Die Bevölkerungszahlen spiegeln das ganze Elend wieder. 1622 hatte Böblingen etwa 1000 Einwohner. Als der Krieg fast schon zu Ende war im Jahr 1645, zählte die Stadt um die 500 Einwohner! Im ganzen Amt gab es noch 13 Pferde, zwei davon in Böblingen (1640). In Ställen der Stadt stand 1647 nur noch ein Drittel des Viehbestandes der Vorkriegszeit. Eine ungeheure Schuldenlast drohte die städtische Wirtschaft zu erdrücken. Allein die Besetzung durch kaiserliche Truppen hatte Kosten in der Höhe von 972.854 Gulden verursacht. Die Wirtschaft sollte sich erst zwei Jahrzehnte nach Kriegsende erholt haben. Ende des 17. Jahrhunderts wurde dann bei den Einwohnerzahlen wieder das Vorkriegsniveau erreicht. Dies gelang nicht zuletzt durch Zuwanderung bzw. Migration aus den Alpenländern, so war z. B. 1659 ein Hans Zweygart aus der Schweiz in Böblingen ansässig und der Holzfäller Sebastian Mühläcker kam ursprünglich aus Tirol.

Am Ende ein Veranstaltungshinweis aus Böblingens Nachbarstadt. Das Stadtmuseum Sindelfingen präsentiert vom 17. November 2018 bis zum 12. Mai 2019 eine Ausstellung zu diesem Thema unter dem Titel: „‘Tyrannisch und fürchterlich gehaußet‘ Stadtschreiber Löher berichtet aus dem 30-jährigen Krieg“. Die Ausstellung wird in der Langen Nacht der Museen am 17. November 2018 um 18.00 Uhr eröffnet.

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