Zum Tod von Kulturpreisträgerin Frederica Steisslinger

Die Stadt Böblingen trauert um Frederica Steisslinger, die in der Nacht von 6. auf 7. August 2026 im Alter von 93 Jahren verstorben ist. Über rund sieben Jahrzehnte setzte sie sich mit viel Herzblut und großer Hingabe für das Werk und den künstlerischen Nachlass ihres Schwiegervaters ein, des realistisch-expressiven Malers, Mitglieds der Stuttgarter Sezession und früheren Professors an der Stuttgarter Kunstakademie Fritz Steisslinger (1891–1957). Mit ihrem Engagement leistete sie zugleich einen bedeutenden Beitrag zum kulturellen Gedächtnis der Stadt Böblingen, wofür sie 2021 den städtischen Kulturpreis erhielt.

Frederica Steisslinger wurde am 29. März 1933 geboren. Ihren späteren Ehemann Eberhard Steisslinger, den einzigen der drei Söhne Fritz Steisslingers, der den Zweiten Weltkrieg überlebte, lernte sie in Brasilien kennen, wohin er ausgewandert war und wo er seinen Lebensmittelpunkt als Arzt aufgebaut hatte. Das Paar heiratete 1955. Im Jahr 1961 übersiedelte Frederica Steisslinger nach Böblingen und lebte fortan mit ihrer Familie und ihren drei Söhnen in der von Fritz Steisslinger gestalteten und 1922 errichteten Villa auf dem Tannenberg.
 
Gemeinsam mit ihrem Mann und der Kunsthistorikerin Ulrike Gauss, der ehemaligen Leiterin der Graphischen Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart, erarbeitete sie das 1978 erschienene Werkverzeichnis für Malerei, Zeichnung und Druckgrafik und schuf damit eine wichtige Grundlage für die weitere wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Gesamtwerk von Fritz Steisslinger.
 
Nach dem Tod ihres Mannes Eberhard Steisslinger im Jahr 2006 setzte sie ihr Wirken mit großer Kenntnis und unermüdlichem Einsatz fort. Eine besondere Bedeutung hatten ihre persönlichen Führungen durch das Künstlerhaus am Tannenberg. Mit ihren Erinnerungen und Geschichten aus dem familiären Umfeld verstand sie es, das Kunstschaffen und die Lebensgeschichte Fritz Steisslingers anschaulich zu vermitteln und einem breiten interessierten Publikum nahezubringen.

„Außergewöhnlich engagierte Vermittlerin der Kunst- und Kulturgeschichte“

„Mit der Hüterin eines faszinierenden, teilweise noch ungehobenen und weiter aufzuarbeitenden ‚Steisslinger-Schatzes‘ verliert Böblingen eine außergewöhnlich engagierte Vermittlerin der Kunst- und Kulturgeschichte. Ihr Wissen, ihre persönliche Verbundenheit mit dem Werk und nicht zuletzt ihre schwungvolle Art des Erzählens werden fehlen – und garantiert vielen Menschen in guter Erinnerung bleiben“, erinnert Oberbürgermeister Dr. Stefan Belz an die Verstorbene.
 
„Für die Städtische Galerie Böblingen waren Frederica Steisslingers Zeitzeugenschaft und ihre umfassende Kenntnis des umfangreichen Nachlasses von Fritz Steisslinger von unschätzbarem Wert“, betont Galerie-Leiterin Corinna Steimel die enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit über viele Jahre. „Vor allem seit 2014 entstanden durch gemeinsames Wirken regelmäßig Ausstellungen und Publikationen, in denen immer wieder neue Facetten aus dem Werk-Komplex Steisslingers kunsthistorisch aufgearbeitet wurden.“

Gemeinsam konzipierte Ausstellungen

Bereits in „Vertraute Fremde“, der ersten Ausstellung unter der Leitung von Corinna Steimel, waren frühe, bis dahin noch nie öffentlich gezeigte Stillleben zu sehen. In Ihnen setzte sich Steisslinger als einer der frühesten Künstler zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit dem außereuropäisch und fremdartig anmutenden „Anderen“ auf respektvoller Augenhöhe auseinander.
 
Unvergessen bleibt auch die letzte in Zusammenarbeit konzipierte Ausstellung zur Weihnachtszeit 2024, in der Fritz Steisslingers religiöse, christliche und symbolistische Werke aus den 1910er- und 1920er-Jahren gezeigt wurden. Die kraftvollen, teils großformatigen Gemälde entstanden in einer von Krieg und gesellschaftlichen Erschütterungen geprägten Zeit und erhielten angesichts der angespannten Weltlage eine ungeahnte Aktualität. 
 
Im Frühjahr 2027 wird das Steisslinger-Kabinett im zweiten Obergeschoss des Museums Zehntscheuer nach längerer Sanierung wiedereröffnet – ein Ereignis, das Frederica Steisslinger nun leider nicht mehr miterleben wird. Mit der Wiedereröffnung und der Wiederauflage „Böblinger Bilderbogen Revisited“ wird die Erinnerung an Fritz Steisslinger und sein Vermächtnis weiter lebendig gehalten.
Eng mit dieser vermittelnden Aufgabe verbunden ist das Künstlerhaus auf dem Tannenberg, das mit seinen weitgehend im ursprünglichen Zustand erhaltenen Wohn- und Atelierräumen ein rares Zeugnis der Böblinger Kunst- und Kulturgeschichte darstellt.

Mehrfach ausgezeichnet

Für ihr jahrzehntelanges kulturelles Engagement erhielt Frederica Steisslinger etliche Auszeichnungen. 2019 wurde sie von der SPD Böblingen-Dagersheim und der SPD-Gemeinderatsfraktion als „Böblingerin des Jahres“ geehrt. Im Jahr 2021 wurden ihr der Kulturpreis der Stadt Böblingen sowie die Staufermedaille des Landes Baden-Württemberg verliehen. Letztere überreichte ihr beim Festakt im Garten des Künstlerhauses auf dem Tannenberg die damalige Staatsekretärin und heutige Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst, Petra Olschowski. Darüber hinaus war Frederica Steisslinger langjähriges Ehrenmitglied des böblinger galerievereins e. V., dessen Freundeskreis aus Gleichgesinnten und Wegbegleitenden sie sich zeitlebens eng verbunden fühlte.
 
Die Stadt Böblingen wird Frederica Steisslinger in Ehren und Dankbarkeit gedenken.

Frederica Steisslinger mit Corinna Steimel bei der Eröffnung der Ausstellung „Böblinger Bilderbogen 1900–1950. Vergangenheit in Farbe. Mit den Zeitzeugen Reinhold Nägele & Fritz Steisslinger auf Streifzügen durch die Stadt – eine Spurensuche in Schlaglichtern“ im November 2022 in der Städtischen Galerie. Eine Besucherin hat anlässlich der Eröffnung an die Nachlassverwaltung von Fritz Steisslinger ein Winterbild von ihm geschenkt.