Böblingens „Zauberberg“

Das Sanatorium am Herdweg und seine Geschichte

In dieser Jahreszeit, in der wieder einmal Erkältung und Grippe grassieren, soll an eine gefährliche Krankheit erinnert werden, die im Lauf der Zeit aus dem Blickwinkel der Öffentlichkeit entschwunden ist. Es handelt sich um Tuberkulose. Deshalb beschäftigt sich Stadtarchivar Dr. Christoph Florian in diesem Artikel mit dem Sanatorium am Herdweg, das der Bekämpfung dieser Krankheit seine Entstehung verdankte.

Quelle aller Abbildungen: Werbebroschüre, zwischen 1901 und 1910 erschienen

Gesamtansicht

Tuberkulose ist ein vielgestaltiger bakterieller Infekt, der sich u.a. durch Tröpfcheninfektion überträgt. Beim Menschen können unterschiedliche Organe davon befallen werden. Die bekannteste und häufigste Erscheinungsform ist die Lungentuberkulose. Wenn bei Infizierten die Krankheit ausbricht – was bei einem Viertel oder Drittel der Betroffenen vorkommt – kann sie tödlich enden. War man zunächst hilflos, so konnte durch medizinische Fortschritte in der Erkennung (Röntgen) und Behandlung (Antibiotika) sowie hygienische und sozialpolitische Maßnahmen im Verlauf des 20. Jahrhunderts die Krankheit bei uns immer stärker eingedämmt werden. Die Tuberkulose galt in den 1970er Jahren in Deutschland beinahe als ausgerottet und es gibt auch heute noch trotz steigender Zahlen verhältnismäßig wenig Krankheitsfälle. Hingegen ist weltweit gesehen die Tuberkulose in ihren vielfältigen Erscheinungsformen eine sehr häufige Todesursache.

Die Krankheit hatte im 18. Jahrhundert eine gewissermaßen romantische Aura

Lese- und Schreibzimmer

Nicht zuletzt aufgrund der Unkenntnis wurde die Schwindsucht als „Seelenerkrankung“ oder als Folge der psychischen Sensibilität ihrer Opfer betrachtet und gewissermaßen ästhetisiert. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts verlor die Tuberkulose ihre mystische Aura und wurde in der öffentlichen Meinung zur „Krankheit der Randgruppen“. In der Kunst und Literatur hielt sich die Betrachtungsweise hingegen noch länger, in den Romanen des 19. Jahrhunderts wie z.B. Alexandre Dumas' "Kameliendame" oder Verdis Oper „La Traviata“ wurde die Schwindsucht als Krankheit der „Liebenden“ und „Bohemiens“ gedeutet. Der Titel dieses Beitrags nimmt deswegen Bezug auf die berühmteste literarische Verarbeitung dieser Krankheit, nämlich Thomas Manns 1924 erschienener gleichnamigen Roman.

Sanatorien dienten der Bekämpfung

Teile der oberen Liegehalle und West-Veranda

Eine wichtige Maßnahme zur Bekämpfung der Krankheit war die Einrichtung von speziellen Heilanstalten (Sanatorien), in denen die Kranken gezielt therapiert werden konnten. In Böblingen kam dabei die luxuriöse Variante zum Zug. Denn 1900/1901 ließ der Arzt Dr. Carlos Kraemer am heutigen Herdweg 163 ein recht nobles Sanatorium errichten. Geprägt wurde die Einrichtung dann von seinem Nachfolger Dr. Thomas Brühl (1868 bis 1948), der das Sanatorium 1911 erwarb. 1915 wurde dann noch das Arzthaus als Personalwohnhaus errichtet.

Böblingen punktet mit guter Luft

Entscheidend für die Auswahl der Örtlichkeit war die gute Luft gewesen. Laut dem Werbeprospekt Kraemers zeichnete sich die 510 Meter über dem Meerespiegel gelegene Stelle durch mildes und trockenes Klima aus. Auch war das Sanatorium aufgrund Böblingens Zugverbindung gut erreichbar, zugleich aber ruhig in Waldnähe gelegen. Hervorgehoben wurde in dem Prospekt auch die Aussicht „auf das Wiesthal mit der malerisch gelegenen Stadt Böblingen“.

der Speisesaal

Das Haus, welches 45 Patienten aufnehmen konnte, war technisch gesehen auf der Höhe der Zeit. Es gab eine Niederdruckdampfheizung, die auch die Toiletten beheizte, elektrisches Licht und sogar einen elektrischen Aufzug über drei Stockwerke. Das Sanatorium spezialisierte sich auf Tuberkulose-Patienten, bei denen neben der Lunge weitere Organe befallen waren. Schwer Lungenkranke wurden nicht aufgenommen, um die anderen Patienten nicht abzuschrecken. Eine Besonderheit war die Kinderstation.

Ohne sie lief nichts - eine Krankenschwester
im Operationssaal

Die Arbeit der Ärzte

Das Sanatorium verstand sich als Kurklinik und als chirurgische Klinik. Dr. Carlos Krämer legte kurz nach Eröffnung der Klinik im Jahr 1901 in einem Fachblatt seine Methoden dar. Auch wenn er die Einrichtung als „Sanatorium für chirurgische Tuberculose“ bezeichnete, hatten für ihn konservative Therapien größtes Gewicht. Denn bei chirurgischen Maßnahmen („locale Behandlung“) konnte oft nicht sämtliches befallenes Gewebe entfernt werden. Hier setzte Krämers Behandlungskonzept an. Durch verschiedenste konservative Maßnahmen sollten die von Tuberkulose befallenen Organe geheilt werden. Dies geschah durch die Stärkung der Selbstheilungskräfte, so dass der Organismus selbst mit den Erregern fertig werden konnte. Krämer verfolgte einen ganzheitlichen Ansatz und schrieb in diesem Zusammenhang auch von der „Dauerheilung des ganzen Körpers“.

Jeden Tag an der guten Böblinger Luft

Flanieren auf dem Senatoriumsgelände

Die gute Böblinger Luft hatte dabei einen zentralen Stellenwert, die Patienten sollten sich möglichst jeden Tag an der frischen Luft aufhalten. Als Anwendungen wurden angeboten: Sonnenkuren (Krämer verwendete dafür das Wort „Besonnung“), Solbäder und „hydrotherapeutische“ Maßnahmen (Wasseranwendungen). Im begrenzten Maß wurden auch chirurgische Maßnahmen durchgeführt. Das Sanatorium war daher in erster Linie eine Kureinrichtung. Als Vorzug seiner Methode sah Krämer die Kombination und räumliche Einheit von lokaler Behandlung (chirurgische Maßnahmen) und Allgemeinbehandlung (Kur, Reha).

Als Dr. Thomas Brühl die Leitung des Hauses 1911 übernahm, führte er bei dem offenbar etwas in die Jahre gekommenen Betrieb neben baulichen Verbesserungen auch Maßnahmen zur Imageverbesserung durch und ließ die Einrichtung in „Sanatorium Schönbuch“ umtaufen. Durch Ergänzung des Diagnose- und Therapieinstrumentariums u.a. mittels Einbau eines Röntgenapparats bekam die Einrichtung den Charakter einer „modernen Lungenheilanstalt“.

Ein wenig Sport gehörte auch zur Therapie
- z.B. auf dem Croquetplatz

Brühl veröffentlichte eine Statistik des Zeitraums 1911/12, welche die Patienten mit längerer Aufenthaltszeit beinhaltete. In seinem Bericht vermied er ausdrücklich den Begriff Heilung, sondern schrieb von Besserung. Im Berichtszeitraum gab es 82 Patienten mit längerer Verweildauer, bei 22 (26,8%) von diesen hatte sich der Gesundheitszustand sehr gebessert, bei 39 (47,5%) gebessert, bei neun (10,9%) war er gleich geblieben, bei sechs (7,3%) hatte er sich verschlechtert und ebenso viele (7,3%) Patienten waren gestorben. Die mittlere Kurdauer betrug 100,8 Tage! Ambulante Kuren für Tuberkulosekranke sah Brühl kritisch und vermerkte wohl nicht zu Unrecht: „Die Kranken, speziell die Frauen, werden sich gewissen Forderungen des heimischen Millieus nie so vollkommen entziehen können, wie es wünschenswert ist.“

Als reine Privatklinik zielte das Sanatorium auf ein gehobenes Klientel

Patientenbett vor schönem Panorama

Die dem Artikel beigefügten Bilder entstammen einer Werbebroschüre aus der Zeit zwischen 1901 und 1910 und spiegeln das edle Ambiente des Hauses wieder. Aufgrund der wirtschaftlichen Folgen im Ersten Weltkrieg musste man dann offenbar bescheidener werden und warb mit „mittleren Preisen“.

Nach dem Krieg hörten die wirtschaftlichen Probleme nicht auf. Während des Höhepunkts der Inflation in Deutschland um 1922/1923 konnte das Sanatorium nur durch die Devisen der ausländischen Gäste überleben. Die Wirtschaftskrise Ende der 1920er Jahre versetzte dem Privatbetrieb dann den Todesstoß. 1928 musste Brühl das Sanatorium an den „Landesverband zur Bekämpfung der Tuberkulose“ verkaufen. Doch beschäftigte der Landesverband den erfahrenen Arzt und Klinikmanager, der sich aufopferungsvoll um das Haus gekümmert hatte, als angestellten Direktor weiter. Weil Brühl nach den späteren Angaben seiner Tochter nicht der NSDAP beitreten wollte, wurde er 1934 schließlich entlassen. Über das Personal gibt es im Stadtarchiv kaum Informationen - auf jeden Fall wohnten 1931 die Ärzte Dr. Brühl und Dr. Fritz Ebstein sowie eine Buchhalterin und ein „Krankenwärter“ im Sanatorium.

Im Krieg diente das Sanatorium als Lazarett für erkrankte Soldaten

Die Kreiszeitung berichtete am 2. August 1940 von einem Besuch der NSDAP-Kreisleitung. 1943 übernahm die Landesversicherungsanstalt Württemberg (LVA) das Haus und führte es bis 1969 als Tuberkulose-Sanatorium. Als es immer weniger Tuberkulosekranke gab, wurde 1973 im ehemaligen Sanatorium die „Zentralküche Schönbuch GmbH“, eine hundertprozentige Tochter der LVA, eingerichtet, welche die LVA-Krankenhäuser zentral mit Essen versorgte. Wie die Kreiszeitung in einem Artikel aus dem Jahr 1990 berichtete, wurden nun im alten OP-Saal „geschälte Tomaten und echt schwäbische Eierspätzle“ gelagert, während man in der ehemaligen Liegehalle die Wäsche aufhängte. Am 31. Dezember 1990 wurde dann auch die Zentralküche geschlossen.

1992 zog die Waldorfschule Böblingen in das ehemalige Sanatorium ein. Im gleichen Jahr fand auch der Waldorfkindergarten im ehemaligen Arzthaus eine Bleibe. Ursprünglich sollte das alte Sanatoriumsgebäude erhalten werden. Weil jedoch die Bausubstanz schlecht und der Gebäudezuschnitt für einen Schulbetrieb ungeeignet war, entschied man sich für den Abbruch und Neubau. Nachdem der erste Bauabschnitt vollendet war, wurde im April 1999 das alte Gebäude abgerissen. So zeugt nur noch das schöne Gebäude des Waldorfkindergartens von der vergangenen Pracht.

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Dr. Christoph Florian
Stadtarchiv
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