Der Böblinger Bahnhof und die Gäubahn

Tafeln für die Gäubahn im Entwurf

In der aktuellen Ausgabe des Einblicks in die Stadtgeschichte befasst sich Stadtarchivar Dr. Christoph Florian mit der Entstehung einer Einrichtung, die jeder Böblinger kennt und von vielen genutzt wird, nämlich dem Bahnhof.

Seit beinahe 140 Jahren verbindet die Bahn Böblingen mit dem nationalen und internationalen Eisenbahnnetz. Doch wie kamen die Verbindung und der Bahnhof zustande? Was waren die Beweggründe dafür? Die folgenden Ausführungen basieren auf den Beiträgen von Dr. Günter Scholz und Frau Cornelia Wenzel in der Broschüre zum 125-jährigen Jubiläum der Gäubahn (2004).

Im Jahr 1825 war die erste öffentliche Dampfeisenbahn in England zwischen Darlington und Stockton eröffnet worden. Sie diente vor allem dem Transport von Kohle aber auch dem von Personen. Die Entwicklung des Eisenbahnnetzes nahm ab diesem Zeitpunkt eine rasante Geschwindigkeit an. Ein Jahrzehnt später im Jahr 1835 wurde zwischen Nürnberg und Fürth die erste deutsche Eisenbahnstrecke in Betrieb genommen. Das deutsche Eisenbahnnetz wuchs dann von 6.000 Kilometern im Jahr 1850 auf 60.000 im Jahr 1910 an.

Württemberg im Geschwindigkeitsrausch

Auch das Königreich Württemberg wurde von Geschwindigkeitsrausch erfasst und am 22. Oktober 1845 nahm man die von Karl Etzel (1812-1865) erbaute erste württembergische Bahnstrecke zwischen Untertürkheim und Cannstatt in Betrieb. Dann ging es Schlag auf Schlag und innerhalb von fünf Jahrzehnten wuchs das württembergische Eisenbahnnetz auf 1.700 Kilometer an.
 
Bis die Eisenbahn nach Böblingen kam, sollte es allerdings noch etwas dauern. Vorkämpfer für einen Böblinger Eisenbahnanschluss war der Abgeordnete des Bezirks Böblingen im württembergischen Landtag Otto Elben (1823-1899). Unermüdlich setzte er sich für eine von Stuttgart ausgehende Schwarzwaldeisenbahn ein. Er favorisierte dabei die Linienführung über Böblingen vor der über Leonberg. Für Elben galt Böblingen als ein Verkehrsknotenpunkt, da die dortige Post(kutschen)station die am meisten frequentierte im ganzen Land war. Von Böblingen aus sollte die Bahnstrecke sich dann nach Tübingen, Freudenstadt und Pforzheim verzweigen.
 
Doch Elben hatte Konkurrenten mit anderen Konzepten. So setzte, der auch für die Eisenbahn zuständige, Außenminister Karl von Varnbüler (1809-1889) eine andere Variante der Schwarzwaldbahn (Stuttgart-Leonberg-Calw-Nagold) durch, die 1868-1872 realisiert wurde. Das warf das Projekt eines Böblinger Eisenbahnanschlusses, dessen Überlegungen bis in das Jahr 1857 zurückreichten, kurzfristig zurück. Unverdrossen warb Otto Elben jedoch weiter für seine Pläne und hatte letztendlich Erfolg. Am 22. März 1873 beschloss der Landtag den Bau einer Strecke Stuttgart-Eutingen-Freudenstadt, welche die schon bestehende Strecke Eutingen-Tuttlingen mit der Residenzstadt Stuttgart verbinden sollte. Unter der Leitung des Ingenieurs Georg von Morlok (1815-1896) begannen im Herbst 1873 die Arbeiten an der bautechnisch anspruchsvollen Strecke. Dank des Fleißes der beteiligten Arbeitern, von denen viele aus Italien kamen, wurde im Winter 1877/78 schon Herrenberg erreicht. Im August 1879 konnte dann eine Probefahrt auf der fertiggestellten Strecke unternommen werden.

Im Hintergrund Bahnhofsgebäude (etwa um 1912)

Wohin mit dem Bahnhof?

Nicht nur der Eisenbahnstrecke war umstritten gewesen, auch der Standort des Böblinger Bahnhofs war Gegenstand von Diskussionen. Denn Böblingens Nachbar Sindelfingen wünschte sich den Bahnhof in seiner Nähe. Und selbst die Böblinger waren sich untereinander uneins. Eine Gruppierung, es waren die Anwohner und Industrieunternehmer des Postplatzes, bevorzugte, unterstützt von Sindelfingen, einen Standort zwischen Goldberg und Galgenberg. Die "Unterstädtler" und die Betreiber der am Unteren See gelegenen Zuckerfabrik wünschten sich hingegen einen in ihrer Nähe gelegenen Bahnhof, unweit der Straße nach Dagersheim. Am Ende setzten sich Letztere durch, wobei der Standort zugleich einen Kompromiss mit Sindelfingen darstellte, da der Bahnhof sich nahe der Sindelfinger Gemarkung befand. Als weiteres Trostpflaster erhielt der Bahnhof die Bezeichnung "Böblingen (Sindelfingen)", bis dann 1914 Sindelfingen einen eigenen Bahnhof bekam.
 
Zur Einweihung des Bahnhofs wurde am 31. August und 1. September 1879 ein großes Fest veranstaltet. Der Staatsanzeiger von Württemberg berichtete darüber wie am 31. August ein Sonderzug, bestehend aus zwölf Waggons und besetzt mit Prominenz, an ihrer Spitze Ministerpräsident Hermann Mittnacht, um acht Uhr morgens vom Stuttgarter Bahnhof in Richtung Freudenstadt aufbrach. An den einzelnen Stationen wurde der Zug von jubelnden Menschenmassen begrüßt. In Böblingen hielt der Stadtschultheiß Fink eine Rede „worin [er] dem Gefühl der Freude über das erreichte Ziel Ausdruck“ gab. Die Gäste wurden „mit vortrefflichem Bier und Champagnerwein“ bewirtet, welche "von weißgekleideten Festdamen kredenzt“ wurden. Am folgenden Tag wurde dann der reguläre Verkehr aufgenommen.

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Der Grundriss des Bahnhofs

Der Bahnhof erfüllte alle in ihn gesetzten Erwartungen. Umso mehr als es seit 1881 eine direkte Schnellzugverbindung mit Zürich gab. Um 1900 war er Umschlagplatz für jährlich 300.000 Reisende. Das bedeutet, dass rund 800 Reisende täglich dort einen Zug bestiegen oder verließen. Einen Rekord gab es anlässlich der  Zeppelinlandung am 3. November 1929 als eine riesige Zuschauermenge, der Böblinger Bote schrieb von 100.000 Personen, wohl zu einem Großteil mit dem Zug an- und abreiste. Bei der zweiten Landung eines Zeppelins am 24. August darauffolgenden Jahres fuhren von Stuttgart, Herrenberg und Renningen nachweislich 19 Sonderzüge mit rund 27.200 Personen nach Böblingen. 2015 wurde der Bahnhof von 31.600 Reisenden und Besuchern täglich genutzt.
 
In kleinerem Ausmaß als es Otto Elben vorgesehen hatte, wurde Böblingen dann auch zu einem Eisenbahnknotenpunkt. Gebildet wurde er durch die Nebenbahnen: Seit 1910 nach Weil im Schönbuch (1911 Verlängerung bis Dettenhausen), seit 1914 nach Sindelfingen (1915 Verlängerung bis Renningen) und der Strecke Schönaicher First-Schönaich (1922).
 
Im bisher kaum besiedelten Gebiet zwischen Altstadt und Bahnhof siedelten sich nach 1879  Industrieunternehmen an und ein neues Stadtviertel, die Unterstadt, entstand. Es seien hier als Beispiele die Trikotfabriken Maier und Cie (Hautana) sowie Lenz und Cie, die chemische Fabrik Bonz und Sohn, die Schuhfabriken Wanner und Hoch und die Spielwarenfabrik Kindler und Briel genannt. Dank des Bahnhofs wurde Böblinger zu einer Unternehmerstadt. Der Bahnhof war dann auch ein entscheidender Grund, dass Böblingen zuerst Standort eines Militärflugplatzes (1915-1919) und dann eines Landesflughafens (1925-1939) wurde.
 
Zum wohlverdienten Dank ernannte die Stadt Böblingen Otto Elben, der durch seine jahrelange Initiative zur Grundlage von all diesem mit beigetragen hatte, zum Ehrenbürger. Zusätzlich benannte sie einen Platz nach ihm.

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