Die Geschichte der Volksschule in Böblingen (Teil4)

Vor über zwei Jahren erschienen im "EinBlick in die Stadtgeschichte" schon drei Artikel von Stadtarchivar Christoph Florian zur Böblinger Schulgeschichte. Sie hatten die Entwicklung der Deutschen Schule zur Volksschule vom 16. Jahrhundert bis etwa zum Ende des 19. Jahrhunderts zum Gegenstand. Im vorliegenden vierten Beitrag werden jetzt anhand alter Dokumente einige Aspekte der Böblinger Volksschulgeschichte in den 1920er und 1930er Jahren thematisiert.

Das 20. Jahrhundert brachte für die Volksschule, die damals das Spektrum von Grundschule und weiterführender Schule (Hauptschule, Werkrealschule, Realschule) abdeckte, entscheidende Veränderungen. Durch das Volksschulgesetz von 1909 wurde die geistliche Schulaufsicht durch die staatlichen Bezirksschulämter ersetzt. Während die Kirche nun als zentraler Faktor der Schulpolitik ausfiel, blieb die Verantwortlichkeit der Gemeinden als Schulträger erhalten.

In dem behandelten Zeitraum gab es in Böblingen eine evangelische und seit 1889 eine katholische Volksschule, die erst um 1936 (zwangsweise) durch eine Einheitsschule ersetzt wurden. Als Schulaufsicht führendes und beratendes Gremium stand der Ortsschulrat, der sich aus Vertretern der Gemeinde, der Lehrerschaft und der Bürgerschaft zusammensetzte, der Gemeinde zur Seite. Wobei die beiden Volksschulen, die es bis 1936 gab, jeweils ihren eigenen Ortsschulrat hatten. Die Volksschulen waren in dem 1903 fertiggestellten neuen Schulgebäude an der Gartenstraße (heute Pestalozzistraße), in dem sich die Pestalozzischule befindet, untergebracht. Sie nutzten jedoch auch noch Räume am alten Standort auf dem Schloßberg. Im neuen Gebäude war auch die katholische Volksschule untergebracht.

Im Magazin des Stadtarchivs liegt ein Bestand, der Unterlagen der alten Volksschule enthält. In diesen Dokumenten spiegelt sich das Verhältnis des Gemeinderats vor allem zur evangelischen Volksschule und die damalige Schulrealität wieder. Diese Dokumente werden im Folgenden genauer betrachtet. So manches mag der Leserin oder dem Leser dabei irgendwie vertraut vorkommen.

Keine Lust auf Französisch

Im Dezember 1921 regte der Volksschulrektor und Gemeinderat Karl Hägele vor dem Gemeinderatsgremium die Einführung einer (Wahl-)Fremdsprache in der Volksschule an. Damit würde Schülern der höheren Klassen der Übertritt in eine höhere Schule erleichtert werden. Tatsächlich bot die Schule dann freiwilligen Französischunterricht an. Aber im Jahr 1926 beschäftigte sich der Ortsschulrat erneut damit. Es hatten sich nämlich zu wenig Schüler dafür gemeldet. Das Gremium überlegte nun grundsätzlich, ob es nicht besser wäre, Englischunterricht anzubieten. Dann schlug es - um den wenigen interessierten Schülern doch noch zu helfen - vor, dass Oberlehrer Gustav Alexander und die Hauptlehrerin Frau Bruder, außerhalb ihrer Pflichtstundenzahl, je drei Wochenstunden Französischunterricht erteilen sollten. Der Ortsschulrat stellte den Antrag, dass die Lehrer für die genannten sechs Wochenstunden zusätzlich entlohnt werden sollten. Der Gemeinderat stimmte zu.

In seiner Sitzung am 6. August 1930 beschäftigte sich der Gemeinderat mit einem einige Jahre zuvor getroffenen Beschluss des Evangelischen Ortsschulrats. Der wachsende Kraftfahrzeugverkehr auf dem Schloßberg und der Gartenstraße gefährdete die Schüler, die sich vor Unterrichtsbeginn, auf dem Heimweg oder in Pausen dort aufhielten. Der Ortsschulrat hatte daher empfohlen, den Schloßberg und die Gartenstraße für den Kraftfahrzeugverkehr zu sperren. Der Gemeinderat entschloss sich in dieser Frage zu einem Kompromiss. Der Schloßberg wurde für den Verkehr gesperrt, die Gartenstraße hingegen nicht, da es bei dem dortigen Schulgebäude einen Schulgarten gab, in dem sich die Schüler während der Pausen gefahrlos aufhalten konnten.

Im Jahr 1927 kam der evangelische Ortsschulrat mit einem neuen Anliegen: Er bat für die evangelische Volksschule eine Fläche von zehn Ar im städtischen Garten am Oberen See für einen Schulgarten zur Verfügung zu stellen. Die katholische Volksschule sollte dann zwei Ar davon abbekommen. Zugleich regte er an, den beiden Volksschulen zu erlauben, den städtischen Obstgarten am Galgenberg zu benutzen. Der Gemeinderat stimmte beiden Anträgen zu.

Doch die Stadtverwaltung wurde zuweilen auch von sich aus aktiv. So machte sie sich Gedanken über die Unterhaltung der Schüler. Die Schulleitung der Evangelischen Volksschule erhielt nämlich ein auf den 7. Juni 1927 datiertes Schreiben, in dem sie informiert wurde, dass die Gemeinde einen Film über den "Grossflugtag im letzten Jahr" besäße, und ihr angeboten wurde, diesen auszuleihen.

Nuss- und Orangenschalen

In den Unterlagen kommt auch das Thema Schuldisziplin vor. Am 29. September 1926 erhielt Rektor Hägele ein Schreiben des Schultheißenamts (Bürgermeisteramt), in welchem darum gebeten wurde, die Schüler darauf hinzuweisen, dass das Abreißen von Plakaten von den bestehenden Plakattafeln verboten und strafbar sei. Überhaupt war es mit Disziplin nicht einfach. Gerade die Benutzung der neuen Turnhalle an der Tübinger Straße durch Schulen und Vereine bereitete viele Probleme. Es waren z. B. Abfallkörbe auf die Garderobenständer geworfen worden, sodass der Unrat sich auf dem Boden verteilt hatte. Im Herbst 1927 müssen es die Schüler dann ganz schlimm getrieben haben: Obstabfälle, Nuss- und Orangenschalen waren in alle Ecken der Turnhalle geworfen worden. Doch das war nicht alles: Einige Zeit später beschwerte sich der Turnhallendiener (Hausmeister), dass Schüler (aller Schulen) ohne Aufsicht auf dem Spielplatz bei der Turnhalle gespielt hatten und bei der Gelegenheit schon einige Fensterscheiben zu Bruch gegangen wären.

In den Unterlagen schlägt sich jedoch auch immer wieder die allgemeine soziale Not nieder, die natürlich auch die Schülerinnen und Schüler der Volksschule betraf. So trug Karl Hägele 1920 dem Gemeinderat vor, "dass Kinder zum Teil nicht zur Schule kommen, weil sie keine Schuhe haben". Anlässlich einer Wäschespende des niederländischen Konsulats im gleichen Jahr wurde beschlossen, dass die Leitung der Volksschule "den Bedarf ihrer Schüler an den vorhandenen Wäschestücken" feststellen und melden sollte.

Brezeln zur Prüfung

Ein netter Zug war es, den Schülern "anlässlich der [...] Schulprüfung Bretzeln […] verabreichen zu lassen". Allerdings - es war mal wieder Notzeit - sollte das Backwerk gemäß Gemeinderatsbeschluss vom 19. November 1931 nicht aus der Stadtkasse, sondern aus der Schulkasse finanziert werden.

In den Notzeiten überlegte auch die Verwaltungsabteilung (Ausschuss) des Gemeinderats wie sie den örtlichen Einzelhandel fördern könnte. Am 28. Dezember 1928 beschloss sie daher, die Schulen anzuweisen, "ihre Bücher, Schreibmaterialien und sonstigen Bedarfsartikel ab 1. Januar 1929 nur von hiesigen Geschäftsleuten zu beziehen und abwechslungsweise alle in Frage kommenden Geschäfte zu berücksichtigen".

Die Stadtverwaltung wurde in ihrer Schulpolitik mit den unterschiedlichsten Problemen konfrontiert. Im November 1928 wandte sich z. B. Rektor Hägele an das Stadtschultheißenamt. Die Lehrer der Volksschule hatten sich nämlich beklagt, "dass bei der Reinigung der Lehrzimmer zu viel Staub entwickelt werde". Über diesen dringenden Notstand war schon im Ortsschulrat beraten und entschieden worden. Das Gremium hatte vorgeschlagen, den Schuldienern (Hausmeistern) deswegen Sägespäne und "Oel" zur Verfügung zu stellen. So geschah es dann auch: Auf der Rückseite des Schriftstücks notierte Stadtbaumeister Gustav Eberle, dass an Schuldiener Walz mit Öl getränkte Sägespäne ausgehändigt worden waren und über den Erfolg der Maßnahme in nächster Zeit berichtet werden könnte.

Eingang zum früheren Volksschulgebäude (ehemalige Pestalozzischule)

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