„Grundlen, Pfellen“ - gestohlene Krebse:

Tierische Bewohner der Schwippe in der Vergangenheit

Letztes Wochenende wurden im Rahmen eines Wiederansiedlungsprojekts 10.000 befruchtete Forelleneier in die Schwippe eingebracht. Passend dazu beschäftigt sich Stadtarchivar Florian mit der Tierwelt der Schwippe im Flussabschnitt zwischen Sindelfingen und Dagersheim und deren geschichtliche Entwicklung.

Fische und andere tierische Flussbewohner sind wichtige Indikatoren für die Umweltbedingungen eines Ökosystems, wie es ein Fluss darstellt. So lässt sich anhand der Fische nicht nur Wirtschaftsgeschichte nachzeichnen sondern auch - und das ist sehr aktuell - Umweltgeschichte.

Das Schwippetal oberhalb Dagersheims bis Sindelfingen hatte vor hundert Jahren ein ganz anderes Aussehen als das heutige Erscheinungsbild. Doch spiegelte auch dieses keinesfalls den natürlichen Urzustand wider, vielmehr war es das Ergebnis eines massiven Eingriffs in die natürliche Landschaft spätestens im 13. Jahrhundert. Denn für dieses Jahrhundert ist erstmals eine Mühle an diesem Abschnitt des Schwippe nachweisbar (Riedmühle 1297, später Dagesheimer Mühlen 1435).

Mühlgräben

Mühlen wiederum benötigten Kanäle, um die Wasserkraft regulieren zu können. Im Rahmen dieser Arbeiten wurde noch auf Sindelfinger Gemarkung von der Schwippe ein Seitenkanal (Oberer Mühlgraben) abgezweigt, auf höherem Niveau bis Dagersheim geführt und mündete dort unmittelbar nach der Hinteren Mühle (Bereich heutige Mühlgasse 22) wieder in die Schwippe ein. Er diente dem Betrieb der Hinteren Mühle in Dagersheim und der Riedmühle, die im Bereich des heutigen Betriebsgeländes von Daimler in etwa in der Höhe der Einmündung des Aischbachs in die Schwippe stand.

Ein weiterer Mühlkanal (Mittlerer Mühlgraben) wurde zwischen Oberen Mühlgraben und Schwippe bis Dagersheim geführt, wo sich die Kanäle vereinigten und in die Schwippe einmündeten. Dazu kamen Querverbindungen zwischen den Kanälen. Diese umfangreiche Veränderung wirkten sich auch auf die Tierwelt der Schwippe aus, doch dazu später mehr.

Was die Fischgeschichte betrifft, so gibt es für das 16. Jahrhundert erste historische Informationen. Nach einem Lagerbuch von 1523 war von der Stelle des schon damals nicht mehr existierenden Dorfs Altingen (bei Sindelfingens) bis oberhalb von Dagersheim und von unterhalb Dagersheims an bis zur Darmsheimer Gemarkung die Schwippe herrschaftliches Eigentum und (für den Fischfang) verpachtet. Der Pächter bezahlte jährlich dafür vier Pfund (also 960) Heller. Wie viele und was für Fische gefangen wurden, ist nicht überliefert.

Streit um die Fische

Um 1504 gab es Ärger, denn der Herzog Ulrich von Württemberg hatte das Gewässer an Ortsfremde verpachtet. Die Dagersheimer ließen sich das nicht gefallen und brachten den Herzog dazu, zu versprechen, ihnen den Vortritt bei der Verpachtung zu garantieren. Das Gewässer innerhalb des Ortes gab keinen Anlass zum Streit, denn es war nachweislich 1580 Eigentum der Gemeinde.

Erst für das 18. Jahrhundert finden sich Berichte, die uns wichtige Hinweise auf die Art Fische geben. Sie stammen aus der herzoglich württembergischen Verwaltung. Denn damals gehörten viele Seen, Bäche und Teiche dem Herzog und wurden von Seemeistern verwaltet. Aus deren Berichten stammten die ersten genaueren Hinweise auf Fischarten, darunter auch auf die in der Schwippe lebenden.

So heißt es dann in einem Bericht um 1730 über die obere Schwippe: „trägt Grundlen, Pfellen, und kleine Fischlen“. Damit werden erstmals in der Schwippe vorkommende Fischarten namentlich benannt. Bei den „Grundlen“ handelte es sich vermutlich um Schmerlen möglich sind aber auch Gründlinge, auf lateinisch „Gobio gobio“. Er ist, wie es auf Wikipedia so schön heißt, ein „gesellig lebender Karpfenfisch“.

Die Pfelle („Phoxinus laevis“), auch Elritze genannt, gehört ebenfalls zur Familie der Karpfenfische. Interessant auch hier der Eintrag in Wikipedia „Sie benötigt sauberes, klares und sauerstoffreiches Wasser [...]“. Die Schwippe war im 18. Jahrhundert also noch ein sauberes Gewässer. Bei den genannten Fischen handelt es sich um kleinere Arten, größere Arten wie z. B. Forellen waren damals offenbar seltener vorhanden.

Der obere Teil der Schwippe („dißs bachs, im Sündelfinger Thal“), welcher der Herrschaft Württemberg gehörte, war nicht verpachtet. Vielmehr diente er der „Raiger- und Entenbeitz“, also der Reiher- und Entenjagd.

Ein weiterer tierischer Bewohner der Schwippe benötigte ebenfalls sauberes Wasser, es handelte sich höchstwahrscheinlich um den Edelkrebs. Er gab sogar zeitweise dem Oberlauf der Schwippe einen Namen, wobei es sich möglicherweise nur um eine Funktionsbezeichnung und nicht um einen Eigennamen handelte. Denn 1736 heißt es dazu „der Krebsbach vom Hinterlinger See an biß gegen Dagersheim“.

Allerdings hatte es der „Astacus astacus“, so der wissenschaftliche Name, in seinem Biotop nicht leicht. 1725 waren 1000 Jungkrebse ausgesetzt worden. Denn man wollte etwas „rares auff die fürstliche Tafel liefern“ können. Vielleicht waren sie für Festlichkeiten auf dem Böblinger Schloss gedacht, das ja auch im 18. Jahrhundert immer wieder von den Herzögen besucht wurde. Offenbar war der Edelkrebs zumindest im Gebiet um Böblingen durch menschliches Tun schon damals selten.

Krebsdiebe

Doch als die Zeit gekommen war und man die Krebse wieder aus dem Bach herausholte, waren es - oh Schreck - nur 286 „zum verspeisen taugentlich“. Denn es hatten sich schon vorher verschiedene Personen mittels „freventlichen Diebstahl und Handanlegung“ aus dem Krebsbach bedient. Ganz oben auf der Liste standen zwei Männer aus der näheren Umgebung; man hatte sie im Gewässer „krebsend“ erwischt. Als Hilfsmittel hatten sie eineinhalb Leib „Brod“ bei sich gehabt. Wie viel sie gefangen hatten wird in den Quellen nicht genannt.

Doch sie waren nicht die einzigen. Ein Haffner, also Töpfer, aus Böblingen namens Vogel soll „sich öffters bedienet haben“ wie es so schön in der Quelle heißt. Auch der Riedmüller ließ sich nicht lange bitten und griff bei der schmackhaften Kost, die an seiner Küche vorbei schwamm, beherzt zu.

Dann gab es ein weiteres Problem, das Dagersheimer Mühlenwehr war zu hoch. Vermutlich wirkte sich der dadurch entstandene höhere Wasserpegel negativ auf die Krebspopulation aus. Hier zeigt sich, dass auch der Mühlenbau sich schädlich auf die Lebensbedingungen der Tierwelt eines Flusses auswirken konnte.

Die Herrschaft Württemberg gab wegen der durch Krebsdiebe verursachten Schäden die Eigenbewirtschaftung auf und verpachtete das Gewässer 1729 an einen Christian Reiff aus Sindelfingen. Doch auch er resignierte angesichts der „Excesse“, gemeint sind hier die Krebsdiebstähle, und gab 1735 den Krebsbach wieder an die Herrschaft zurück.

Jetzt ein Blick auf das 19. Jahrhundert. Professor Sieglin von der Landwirtschaftschule Hohenheim ist in seinem 1896 veröffentlichten Werk „Die Fischerei-Verhältnisse in Württemberg“ auch auf die Schwippe eingegangen. Zum Flussabschnitt auf Dagersheimer Gebiet gibt er keine Angaben. Doch dafür für den Sindelfinger und den Döffinger Abschnitt. Demnach gab es auf Sindelfinger Gemarkung Weißfische, Hechte, Aale, Forellen (Bachforellen) und Karpfen. Für Döffingen erwähnt er lediglich die Schleie und selten vorkommend die Forelle. Der Edelkrebs hatte sich auf dem Sindelfinger Abschnitte halten können und war auch – wenn auch selten – im Döffinger Teilstück nachweisbar.

Zum Sindelfinger Abschnitt merkt er noch an, dass am Ursprung der Schwippe, die so genannten Torfseen lägen, welche mit Edelfischen besetzt waren. Auch befand sich dort ein Brutapparat.

Umweltverschmutzung anno 1896

Interessant ist ein Hinweis der die gesamte Schwippe betraf. War im 18. Jahrhundert die Schwippe offenbar ein sauberes Gewässer, so sah es jetzt Ende des 19. Jahrhunderts anders aus. Nach Sieglin waren nämlich die „Abflüsse der Fabriken in Böblingen“ schädlich für die Fischerei.

Mit dem Hinweis, dass Thema "Wasserschutz" offensichtlich nicht ganz neu ist, schließt dieser Bericht über die schuppigen Gesellen und anderen tierischen Bewohner des alten Schwippetals.

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