Vor 25 Jahren eröffnete die Landesgartenschau: Start einer Serie

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Schon ein viertel Jahrhundert ist es her, dass die Stadt Böblingen Ausrichterin für die Landesgartenschau war und dadurch ihr Stadtbild erheblich und nachhaltig veränderte. In einer kleinen Serie präsentieren wir von April bis Oktober – 1996 die Dauer der Landesgartenschau – monatlich einen Beitrag zu dem, was war und was nachhaltig in der Stadtentwicklung bis heute und in der Zukunft bleibt.

Teil 3: Gesamtkunstwerk Gartenschaugelände

Kunst ist schön, aber sie macht, das wissen wir alle seit Karl Valentin, viel Arbeit – und umso komplexer verhält es sich mit künstlerischen Akzentsetzungen im öffentlich zugänglichen Raum. Zuweilen muss um die „Aufstellung“ und
„Ausstattung“, bei der es um die Vereinbarkeit vieler Faktoren und verschiedenster Interessenvertretungen geht, geradezu gerungen werden. Die Landesgartenschau und ihre „Untermalung“ durch verschiedene Kunstprojekte kann in dieser Hinsicht als exemplarisch gelten.

Die von der Stadt Böblingen zwischen dem 23. April und 6. Oktober 1996 ausgerichtete Gartenschau ist insbesondere für die beteiligten Akteure ein richtiggehendes Mammutprojekt gewesen.

Vereinbarkeit vielfältiger Faktoren im Vorfeld der Vorbereitungen

Unter der Federführung der als städtische Tochterfirma gegründeten Landesgartenschaugesellschaft (kurz: LGS GmbH), vertreten durch den zum Projektleiter berufenen Stadtplaner Chasid Winograd, der beim Stadtentwicklungsamt
auch für Stadtsanierung zuständig war, gab es neben den organisatorischen Herausforderungen auch Skepsis gegenüber einem solchen Großprojekt, manche Vorbehalte oder gar Gegenwind. Vor Kurzem konnten wir durch die rückblickenden Ausführungen von Oberbürgermeister a.D. Alexander Vogelgsang einen Eindruck vom langen Weg hin zur Realisierung des „grünen Herzens Böblingens“ gewinnen.
Auch bezüglich einer Akzentuierung durch Bildende Kunst sowie begleitender Aktionen, d. h. der „Umrahmung“, „Untermalung“ und „Ausstattung“ der Landesgartenschau durch Werke und Aktionen aus dem Bereich der Bildenden Künste, war ein holpriger
Weg zurückzulegen. Stadtarchivarin Dr. Tabea Scheible hat Corinna Steimel, Leiterin der Städtischen Galerie, für die Recherche nach den damals initiierten künstlerischen Projekten einen Blick in die dicht gestellten Regale mit rund 250 prall gefüllten Aktenordner gewährt. Sie alle befassen sich hauptsächlich mit der Organisation und Koordination der Gartenschau. Sucht man nach dem Stichwort „Kunstprojekte“, findet sich einiges Spannendes. Man braucht nicht übermäßig viel Vorstellungsvermögen mitzubringen, um sich denken zu können, dass bei diesem aufwändigen Stadtgarten-Planungsprojekt die Fäden manchmal leichter, manchmal umständlicher aus den verschiedensten kulturell-künstlerischen Bereichen zusammen- oder auseinanderliefen. Mitunter wurden vorbereitete Konzepte während der mehrjährigen Vorlaufzeit wieder komplett verworfen. Dies alles zu erwähnen, würde den Rahmen sprengen, sodass im Folgenden auf das, was bis heute an Sichtbarem überdauerte und sich harmonisch in die Gartenlandschaft eingefügt hat, näher eingegangen werden soll.

Beauftragung und Budget für Bildende Kunst (Auswahl)

Lutz Ackermann_ohne Titel (3 Kugeln)_1996
Lutz Ackermanns Bodeninstallation wird von Jugendlichen im Sommer gerne als schattiges Plätzchen genutzt.

Das über einen städtebaulichen Wettbewerb qualifizierte Konzept der Architekten/-innen und Landschaftsplaner/-innen sah vor, die Bereiche an und um die beiden Seen, die sich vom Baumdach in der unmittelbaren Nachbarschaft des Elbenplatzes bis hin zum Baumoval erstrecken, landschaftsarchitektonisch und grünflächenplanerisch ansprechend zu gestalten. Von der gattungsübergreifenden Integration verschiedener architektonischer wie baukünstlerischer Elemente zeugen heutenoch die wirkungsvoll kreative Gestaltung mehrerer Brücken, die auf der gesamten Anlage des Stadtgartens vom Baumdach bis zum Baumoval ausgeführt wurden und sich so gekonnt in die Umgebung einfügen, als ob sie schon immer da gewesen wären. Als wirkungsmächtiger Blickfang erstrahlen dagegen die unzähligen, auf schwarz-weißem Schachbrettmuster in lichtreflektierendem Weiß seriell aufgestellten Säulen der Wandelhalle, die sich an der Schnittstelle zwischen Oberem und Unterem See befindet. Wie das Foto auf nachfolgender Seite wundervoll zeigt, verschmelzen die Säulen mit den darumstehenden Birken zu einer Einheit.
Für die übergreifenden, kreativ-kulturellen „Zutaten“ hatte man die „Phantasia GmbH“ verpflichtet. Die erfolgreiche Ausstellung „Oro del Peru – Schätze aus dem Land der Inka“, die in der inzwischen abgebrochenen Sporthalle ausgerichtet wurde und bei der sich die Besuchenden in die interaktive Rolle eines Entdeckungsreisenden begeben konnten, wurde noch von dieser Kreativagentur initiiert, bevor sie ihren Vertrag auflöste. Ein Rätsel muss bisher bleiben, ob die neun majestätisch über den geschnittenen Platanen schwebenden, auf hohen, dreibeinigen Stahlstelzen drapierten Original-Abgüsse alter portugiesischer Vasen des Bildhauers und Objektkünstlers Franz Stähler (verstorben 2018), zwischen Herrenberger Straße und Seetreppe aufgestellt, ebenfalls auf den Vorschlag der Agentur zurückgehen. Dazu konnten bisher keine näheren Angaben in den Aktenordnern gefunden werden.
Dass zu den bereits an zahlreichen Aufstellungsorten um und in den Seen arrangierten Tierplastiken des Böblinger Bildhauers Rudolf Christian Baisch noch zusätzlich skulpturale und bildhauerische Kunstwerke die Gartenschau flankieren und speziell für diesen Kontext installiert werden sollten, wurde im Spätjahr 1994 zur beschlossenen Sache.
Dann versicherte der Landkreis unter dem kunstsinnigen Landrat Dr. Reiner Heeb schriftlich, sich in Form von künstlerischen Beiträgen und eines Wettbewerbs gemäß des Anliegens zur Förderung regionaler Künstler/-innen zu beteiligen. Wenn man bedenkt, dass die Platzierung und die damit einhergehende Finanzierung von Bildender Kunst im Durchführungshaushalt der LGS GmbH ursprünglich nicht extra eingeplant worden war, ist diese glückliche Wendung äußerst positiv einzuschätzen.

Gedanke des künstlerischen Gesamtkonzepts

Umso erwähnenswerter ist die Tatsache, dass unter umsichtiger Abwägung ein gelungenes Zusammenspiel und ein überzeugend aufeinander abgestimmtes Gesamtergebnis erreicht werden konnte. Damit zeigt sich seither allen an den Uferpromenaden der beiden Seen aufmerksam Flanierenden eine schön sichtbare und dadurch anhaltend nachhallende Erfolgsgeschichte auf. Denn der Direktor der LGS GmbH, Chasid Winograd, hatte sich bereits im Vorfeld an die regionalen Kunstschaffenden gewandt, um Vorschläge einzuholen, und damit den künstlerischen Auftrag im Sinne eines Gesamtkunstwerks weiterentwickelt.
In Abstimmung mit dem Landkreis und den verschiedenen Künstlervereinigungen, darunter der Böblinger Kunstverein unter seiner Ersten Vorsitzenden, der vor Kurzem bedauerlicherweise verstorbenen Künstlerin Linde Wallner, sowie Felix Sommer, der sich damals als Vorsitzender des Verbandes Bildender Künstler – Region Böblingen engagierte, traten die vor Ort wohnenden und tätigen Künstlerinnen und Künstler zunächst mit der Phantasia GmbH sowie mit den später mehrfach preisgekrönten Landschaftsarchitekten in gegenseitig inspirierenden Austausch und fruchtbaren Dialog.

Kunstprojekte: Skulpturenweg-Stationen, Aktionen und Ausstellungen

Unter dem Titel „Skulpturenweg“ gab es einen vom Landratsamt ausgelobten und von der Stiftung „Kunst, Kultur und Bildung“ der Kreissparkasse Böblingen mit einem Betrag von 50.000 DM finanziell unterstützten Wettbewerb, der unter dem Motto „Das Spiel – die Geheimnisse der Natur; Wundergarten der Phantasie“ stand. Die dahinterliegende Idee war, dass die künstlerischen Beiträge nicht die Natur dominieren sollten, sondern dass die Kunstwerke im Einklang mit ihrer natürlichen Umgebung agieren und sich harmonisch darin integrieren sollten. Hierfür wurden ausschließlich „heimische“ (Zitat aus dem Schriftverkehr) Künstler/-innen, also Kunstschaffende aus der Region Böblingen, eingeladen, ihre Vorschläge einzubringen.
Von 129 Aufgeforderten reichten insgesamt 26 Künstler/-innen Entwürfe ein. Zehn Positionen wurden von einer hochkarätigen achtköpfigen Fachjury (darunter Ursula Kupke, die Zuständige der Stiftung „Kunst, Kultur und Bildung“ bei der Kreissparkasse Böblingen und langjährige Vorsitzende des galerievereins böblingen e. V. – dem Förder- und Freundeskreis der Städtischen Galerie) ausgewählt und im Anschluss auf dem gesamten Gelände an eigens für die Werke ausgewählten Stellen verteilt.
Unter den Gewinnern waren Größen wie Lutz Ackermann, Hans Bäurle, Gertrud Buder oder Karl Heger. Da ein zunächst einjuriertes Werk aufgrund zu hoher Kosten nicht realisiert werden konnte, ermöglichte dies, eine nachgereichte Position hinzuzurücken:
Siegfried Ulmers skulpturale Installation mit dem wundervollen Titel „Vom Chaos zum Kosmos“, die auf der Wiese am Unteren See in der Umgebung zur Bushaltestelle Parkstraße emporstrebt. An zehn Kunststationen markierten während des Stadt-Gartenschau-Sommers 1996 insgesamt also Objekte, Installationen, Skulpturen und Plastiken den „Skulpturenweg“, der durch das gesamte Landesgartenschaugelände mäandert. Sie setzten sinnliche Akzente, interpretierten und unterstrichen in den künstlerischen Umsetzungen den Slogan der Schau „Wunder, Garten, Phantasie“. Im Rahmen des Wettbewerbs gab es drei dotierte Auszeichnungen: Den ersten Preis der Jury erhielt Hans Bäurle für seine fantasievolle „Königsblumenfamilie“, bei der er schätzungsweise 40 hochgewachsene Stelen bunt bemalt und formenfroh gestaltet hatte.
Der zweite Preis ging an Klaus Josef Behringer für seine installativ angelegte, mit Strom versorgte „Hydrokultur“ (Assemblage aus Glasflaschen, Holz, Blech, Stahl, Keramik) im Birkenhain.
Und den dritten Preis durfte Gertrud Buder entgegennehmen, die ein groß dimensioniertes, sich meditativ im Wind wiegendes Filtertütenobjekt an einer Baumgruppe am Murkenbach befestigt hatte. In der damaligen Pressemitteilung heißt es dazu weiter: „Karl Heger aus Sindelfingen gestaltete ein ringförmiges Gebilde namens „Hörnerreif“ aus Holz, Hans Rösners Steinskulptur „Wassernymphe“ hat ihren Platz am Murkenbach, „Bebe-Sammlerin der Phantasie“ nennt der Sindelfinger Michel Schilling seine Skulptur aus Pappmaché, die Nagolderin Barbara Wieland ließ am Murkenbach einen keramischen Vogelgarten entstehen“.
Im Fahrtwind des Wettbewerbs zum Kunstpfad wurde in der alten TÜV-Halle eine zusätzliche Plattform für Kunstaktionen eingerichtet, wobei der Fokus hier auf dem Entstehungsprozess und dem Experimentierfeldern lag. Hier wurden während der beiden Sommermonate Juni und Juli Aktionstage angeboten, bei denen verschiedene Künstler, darunter etwa Renate Gross, Guillermo de Lucca, Hans Georg Lang, Rudi Weiss, Yasuhiro Matsuoka oder Michel Schilling, mit dem Publikum interagierten, arbeiteten und somit erlebnisreich vorführten, wie Kunst hinter den Kulissen entsteht. Parallel wurden die Besuchenden zum kreativen Mitmachen angeregt.

Franz Stähler_Vasen
Stadtbildprägend und sonnenverwöhnt: Die auf dreibeinigen Stahlträgern drapierten neun Vasen von Franz Stähler.

Tage der offenen Türen

Auf die engagierten Eigeninitiativen der hiesigen Kulturinstitutionen und Kunstvereine zurückgehend, kamen im Begleitprogramm zur Gartenschau noch weitere Kunstangebote hinzu: etwa die „offenen Ateliers“, bei der rund 50 Mitglieder des Böblinger Kunstvereins ihre privaten Arbeitsräume und Werkstätten – lokalisiert im gesamten Umkreis – an bis zu vier Wochenenden während der Laufzeit der Schau für Besuchende öffneten und einen einmaligen wie praxisnahen Blick auf ihre künstlerische Tätigkeit und ihr kreatives Umfeld ermöglichten.

Gewachsene und gezähmte Wunderwelten

Im Museumsgebäude Zehntscheuer war in Zusammenarbeit des Böblinger Kulturamtes mit dem Nationalmuseum Prag eine auf die Thematik abgestimmte, unseren Natursinn ansprechende Ausstellung unter dem Titel „Pflanzenwunder – Gartenzauber“ mit Bildern aus 350 Jahren zu sehen.

Schattenseiten des Schönen

Einiges Kunstvolle musste nach der Laufzeit der Schau im Herbst 1996 wieder abgebaut werden, zum Beispiel Franz Stählers im Baumoval liegend verteilte Vasen, welche am oberen Ausläufer des Gartenschaugeländes platziert die neun Vasen am Baumdach wie als Rahmen abgerundet haben. Man hört, dass die Befürchtung vor einer bewussten Beschädigung zu besorgniserregend war.
Für Hans Bäurles Wind- und Glockenspiel „Königsblumenfamilie“, bestehend aus bunten, glasfaserverstärktem Kunststoff filigran gearbeiteten Stelen, die zwischen 1,40 und 4,30 Meter hoch sind, wurde ursprünglich der Wiesenkanal am Ufer als Aufstellungsort gewählt.
Die Stelen wurden jedoch schon nach kurzer Zeit mutwillig beschädigt und abgeknickt. Um sie besser zu schützen, wurde für die feingliedrige, mehrteilige Arbeit ein neuer Standort gesucht und gefunden, sodass sie innerhalb des Unteren Sees versetzt wurden. Dort jedoch sind die bunten Blumen und Blüten ungeschützt vor Wind und Wetter, vor allem den über das Wasser ungehindert hinwegfegenden Sturmböen ausgesetzt.
Alle Jahre wieder muss die Verankerung der sich unter Wasser befindenden Holzbalkenkonstruktion ertüchtigt werden, weil sie von elementaren Kräften losgerissen wurde und ungehindert herumschwamm.
Neben den insbesondere bei Kunst im öffentlichen Raum und unter freiem Himmel aufgrund von Witterungsschäden regelmäßig anfallenden zeit- und kostenintensiven Wartungen, sind die Gefährdungen durch Zerstörungswut und Vandalismus bis heute eine der größten und bedauerlichsten Schwierigkeiten, bei der schlimme Schäden auftreten können.

Was bleibt...

Wandelhalle

Im Hier und Heute können wir uns noch immer an vielem erfreuen, auch wenn es teilweise, wie soeben geschildert, den ursprünglichen Standort wechselte.
Während manches verschwand, überdauerte auch einiges, und zwar hauptsächlich, weil sich die Verantwortlichen für den Verbleib der vom Publikum geschätzten Objekte einsetzten und überzeugend starke Positionen für die Kunst vertraten. Im Anschluss
an die erfolgsverwöhnte Landesgartenschau wurde rund die Hälfte der die Schau untermalenden, eigentlich temporär ausgeführten, d. h. „auf Zeit“ aufgestellten Werke von der Stadt, dem Landkreis Böblingen oder der Kreissparkasse übernommen oder angekauft.
Heute stammen insgesamt sechs Werke aus der Gartenschau-Zeit. Darunter etwa Lutz Ackermanns unbetiteltes Kunstwerk, welches mit seinen Stahl- und Glasfaserkugeln am Oberen Seeufer Erdverbundenheit und Bodenständigkeit ausdrückt; die poetisch in den Raum greifenden, einstmals von Sukkulenten überwucherten, felsenartigen Sandsteinplatten mit der Betitelung „Sempervivum“ von Hellmuth Erath beim Baumoval seitlich der Schönbuchstraße oder die anmutige „Wassernymphe“ von Hans Rösner im oberen Stadtgarten am Murkenbach (nahe der ehemaligen Sporthalle).

Meistfotografierte Motive und Wahrzeichen im Wandel der Zeiten

Aus ein paar künstlerischen Fußnoten wurden regelrechte „Kunstwahrzeichen“ für die Stadt Böblingen und ihre Identität. Das Ringen um und für die Kunst hatte sich mehr als gelohnt, wie die mittlerweile im Unteren See schwimmenden Blumen der „Königsblumenfamilie“ von Hans Bäurle und die „9 Vasen“ von Franz Stähler – für die sich im Böblinger Sprachgebrauch die antiker klingende Bezeichnung „Amphoren“ eingebürgert hat, obwohl sie im Gegensatz zu Vasen keine Henkel haben, und ohne die man sich beispielsweise das aus Nah und Fern besuchte Event „Schlemmen am See“ heute gar nicht mehr vorstellen kann – eindrücklich beweisen.
Die Kunst wurde von der Bevölkerung, von Jung und Alt angenommen, lädt zum Verweilen ein. Ein beliebter, schattiger Treffpunkt bei heißen Sommertagen sind vor allem für Kinder und Jugendliche die bereits erwähnten drei unter großgewachsenen Bäumen und zwischen deren Wurzeln im Boden versenkten Kugeln von Lutz Ackermann. Nichts bleibt, lautet eine altbekannte Weisheit, wie es ist oder war, alles ist vergänglich, wächst und welkt. Und dennoch bereichert Kunstvolles noch immer das „grüne Herz“ von Böblingen, das angesichts der aktuellen Lage mehr denn je für uns alle zu einem wahrhaftig wichtigen Erlebnisraum geworden ist.

Teil 2: Der lange Weg zur Gartenschau 1996 - Von Oberbürgermeister a. D. Alexander Vogelgsang

Porträt Alexander Vogelgsang

Als im Oktober 1996 die Landesgartenschau Böblingen ihre Tore schloss, meinte ein erfahrener Mitarbeiter des Landwirtschaftsministeriums, es sei immer so: Vorher Diskussionen und haufenweise Bedenken, danach seien alle froh, dass man‘s gemacht habe.

Angefangen hatte alles mit heftigen Diskussionen in den Jahren 1986/1987 über die Erweiterung der Kongresshalle. Der „dritte Saal“ spaltete auch den Gemeinderat.
Um aus dieser Blockade herauszufinden, schlugen wir einen städtebaulichen Wettbewerb vor. Dieser sollte die Frage der Kongresshallen-Erweiterung in einen größeren Zusammenhang einordnen: „Vom Bahnhof zum Bauhof“. Der Bauhof lag damals noch an der Breitensteiner Straße.

Gartenschau-Zuschlag, dann städtebaulicher Wettbewerb 1989/1990

Eine der Ideen aus diesem Wettbewerb war die Bewerbung um eine Landesgartenschau im Grünzug mit den beiden Seen. Die Stadt Böblingen bewarb sich also beim Land. Wir erhielten den Zuschlag für das Jahr 1996. Im Dezember 1989 wurde im Gemeinderat ein Wettbewerb für die Realisierung ausgelobt. Bestandteile waren auch die Ergebnisse einer ersten Bürgerbeteiligung und eine Stellungnahme des Bundes für Naturschutz Deutschland (BUND). Der Realisierungswettbewerb mit den zwei Aufgaben „Daueranlage als Stadtgarten“ und „Durchführung 1996“ führte bei 24 teilnehmenden Büros im Mai 1990 zu einem eindeutigen ersten Preisträger: dem Architekturbüro Janson+Wolfrum in Arbeitsgemeinschaft mit den Landschaftsarchitektinnen Schmelzer+Bezzenberger.
Die Jury lobte die differenzierte und unkonventionelle Auseinandersetzung mit der Aufgabe. Sie sah die Daueranlage, den Stadtgarten, im Vordergrund. Der erste Preisträger wurde vom Gemeinderat mit der Entwurfsplanung beauftragt.

Sorgen, Nöte und weitere Entwicklungen von 1990 bis 1992

Oberbürgermeister a. D. Alexander Vogelgsang bei der Eröffnung der Landesgartenschau.
Oberbürgermeister a. D. Alexander Vogelgsang bei der Eröffnung der Landesgartenschau.

Der Herbst 1990 brachte schlechte Nachrichten und ein gereiztes kommunalpolitisches Klima. Auf der einen Seite entfaltete sich in Deutschland der Wiedervereinigungs-Boom.
Auf der anderen Seite erlebte der Raum Böblingen/Sindelfingen eine negative Sonderkonjunktur, vor allem bei der Computer-Industrie und im Automobilbau.
Die Gewerbesteuer sank und die Aussichten der künftigen Jahre schienen düster. Der wichtige Verkauf vom Areal Hulb-Nord an die Mercedes-Benz AG wurde zur Hängepartie, weil das Land Baden-Württemberg dort einen möglichen Standort für seine geplante Sondermüllverbrennung in der engeren Wahl sah (zusätzlich zur Fläche des heutigen Flugfelds). Obendrein produzierte der mehrmonatige Probelauf für den neuen Schlossbergring erstmal jede Menge Stau, Frust und Ärger.
Prompt kam ein erster Antrag aus dem Gemeinderat, aus finanziellen Gründen die Landesgartenschau nicht durchzuführen. Die Sorge war groß, dass sie in vollem Umfang durch zusätzliche Schulden finanziert werden müsste. Stattdessen sollte der Stadtgarten so oder so ähnlich schrittweise entsprechend der Haushaltslage verwirklicht werden.
Auch ich war mir nicht sicher, ob wir den finanziellen Kraftakt bis 1996 würden stemmen können. Andererseits gab es in der Vergangenheit schon manche Absichtserklärung für einen Stadtgarten und dann war die Haushaltslage immer gerade nicht günstig oder andere Wünsche schoben sich in den Vordergrund.
Die Gartenschau-Planer überlegten nun, wo am Entwurf noch Einsparungen möglich sein könnten: zum Beispiel ein kleineres Gelände, keine Vergößerung der Seen, keine Kongresshallen-Insel, kein dauerhaftes Verschwinden der Schönbuchstraße.
Außerdem hellte sich der finanzielle Himmel etwas auf. Im Mai 1991 stimmte der Gemeinderat mehrheitlich der kleineren Lösung („Schwäbische Gartenschau“) zu.

Fünf Monate später wurde der überarbeitete Entwurf des Stadtgartens beschlossen und eine weitere Bürgerbeteiligung angeregt.
Im Januar 1992 gründeten dann die Stadt und die „Förderungsgesellschaft für die Baden-Württembergischen Landesgartenschauen“ die „Landesgartenschau Böblingen 1996 GmbH“ zur praktischen Planung, Vorbereitung und Durchführung. Geschäftsführer wurden Dirk Gaerte, Erster Bürgermeister, und Baubürgermeister Paul Schaber (bis September 1995). Alle Fäden liefen zusammen bei unserem Gartenschau-Direktor Chasid Winograd. Es wäre so schön gewesen.
Aber erneut stand uns ein stürmischer Herbst bevor. Wieder brachen die Gewerbesteuereinnahmen ein, heftiger, so schien es, als zwei Jahre zuvor. Wieder gab es im Gemeinderat einen Antrag auf Rückgabe der Landesgartenschau: Schau nein, Stadtgarten teilweise ja, aber nach Kassenlage. Wichtige Freiräum-Elemente wie Abriss Kindergarten Siebeneck und Bootshaus am Oberen See wurden abgelehnt. Außerdem sprachen sich in einer Gartenschau-Umfrage der Kreiszeitung 80 Prozent der über 800 Teilnehmer/-innen für die Rückgabe aus.

Erneute Beschlüsse für die Gartenschau 1992 bis 1994

Doch die Planungen waren fortgeschritten, die ersten Bauarbeiten begonnen, sodass im Dezember 1992 eine ausreichende Mehrheit im Gemeinderat zum wiederholten Male die Gartenschau 1996 beschloss. Dieses Mal ohne Einzäunung und mit kleinerem Schauteil, entsprechend einem interfraktionellen Antrag.
Doch die Aufregungen hielten auch im folgenden Jahr an. So sollten nach Anträgen im Gemeinderat und aus der Bürgerschaft entgegen mehrfacher Beschlusslage Teile des Schlachthofs und vor allem der Metzgereinkauf (mit attraktiver Halle) bestehen bleiben.
So sehr die Wünsche nach Erhalt und kultureller oder sportlicher Nachnutzung nachvollziehbar waren, eine Gemeinderatsmehrheit bestätigte im April 1993 und im Februar 1994 unbeirrt den eingeschlagenen Weg für einen durchgehenden grünen Freiraum vom Oberen See bis zum alten Bauhof.

20 Baustellen-Touren: Skepsis weicht Neugier und Zufriedenheit

Mir war klar geworden, dass man über die Bürgerbeteiligung hinaus in der Einwohnerschaft viel intensiver für das Neue, den Stadtgarten, werben musste. Ein Kollege hatte mir den Tipp gegeben:
Baustellen-Touren! Also zog ich 20 Mal samstags von Juni 1993 bis November 1995 los, mit einem Megaphon und vor allem mit Chasid Winograd, und wir beschrieben das Baustellen- und Pflanzgeschehen.
Unsere Touren fanden einen guten und wachsenden Zuspruch: „Jetzt kannscht wenigstens mitschwätza“, zitierte die Kreiszeitung.

Die anfängliche Skepsis in der Einwohnerschaft wandelte sich. Sogar die 150 Meter lange Wandelhalle erschien inzwischen nicht mehr ganz so größenwahnsinnig.
Am kühlen, aber sonnigen 26. April 1996 eröffnete die Landesgartenschau nach ca. 120 Frosttagen, eingezäunt zu einem Drittel, aber zusätzlich mit dem „Gold der Inkas“ in der Sporthalle, mit qualitätsvollen gärtnerischen Leistungen, einem sehenswerten Veranstaltungsreigen (trotz des Debakels um Harry Owens) und einem sehr engagierten Süddeutschen Rundfunk.

Wir waren erleichtert. Ich hatte den Eindruck, viele Menschen waren neugierig, auch zufrieden und sogar ein bisschen stolz.

Teil 1: Der Stadtgarten als Zentrum der städtischen Naherholung

Aus vielen Teilen einen zusammenhängenden Stadtpark zu schaffen, war das Ergebnis der Landesgartenschau 1996. Er erfreut sich nach wie vor größter Beliebtheit in der Bevölkerung – die Weitsicht der damaligen Akteure wirkt bis heute und in die Zukunft.

Durchgängiger Grünzug mitten in der Stadt

Über aufgestaute Mühlteiche führten einst auf Dämmen die Straßen zu den Stadttoren und schufen die beiden Seen, die unser Stadtbild seither maßgeblich prägen. Die sumpfige Talaue des Murkenbaches war an vielen Stellen schon eingeengt und die beiden Seen nur noch über eine Dole verbunden.

Trotz einer in einigen Punkten strittigen Ausgangslage ergriff die Stadt dann 1989 mit dem städtebaulichen Wettbewerb „vom Bahnhof zum Bauhof“ die einmalige Chance, einen durchgängigen Grünzug von der Stadtmitte bis zum Stadtrand anzulegen.
Mit der Auflösung des Schlachthofes sowie der Verlegung des Bauhofes und des TÜV entstand mitten in der Stadt die Möglichkeit, einen zusammenhängenden Park zu formen und eine bedeutsame Naherholungszone zu schaffen.

Verbindendes Element des Stadtgartens ist der durchgängig wieder freigelegte Murkenbach. Die beiden Seen sind durch eine Wasserrampe mit 16 offenen Wasserstufen miteinander verbunden, dafür wurde die Tiefgarage der Kongresshalle verkleinert. Die Wasserspiele dort werden durch Solarzellen betrieben und der Sonnenschein regelt die Intensität der Fontänen.

Seelandschaft Oberer See

Wasser verbindet Landschaft und Urbanität

Der Obere See repräsentiert mit natürlicher Ufergestaltung die Vorstadt und Landschaft.
Der Untere See mit Seetreppe und Platanendach steht für die urbane, städtische Seite. Inzwischen entsteht an der Herrenberger Straße der stadträumliche Abschluss, am Elbenplatz kommen Altstadt und Unterstadt zusammen.
Die Mitte Böblingens hat sich an die Seen verlagert und ist so zum zentralen Ort der Begegnung geworden: mit Markt, Veranstaltungen und Festen. Entlang der Uferpromenade entwickelt sich die Außengastronomie und bringt Leben in die Stadt.

Bahnhofstraße wird Fußgängerzone, Elbenplatz wird umgebaut

Schon zur Eröffnung der Landesgartenschau sollte die Bahnhofstraße den Weg vom Bahnhof zum Gartenschaugelände als Fußgängerzone weisen. Dieses Vorhaben wurde zwar erst 2015 realisiert, dafür aber mit neuer Unterführung bis hin zur grünen Mitte auf dem Flugfeld verlängert. Nun verbindet die zentrale Fußgängerachse der Stadt die beiden Parkanlagen miteinander und bildet das Rückgrat für die städtebaulichen Entwicklungen in der Unterstadt.

Das letzte Verbindungsstück am Elbenplatz wird gerade angepasst und noch in diesem Jahr fertiggestellt. Damit erhält auch der Schloßbergring die notwendige Anbindung für den dort befindlichen Handel und die kulturellen Angebote. In Richtung Baumoval entstanden in attraktiver Lage am Rand des Stadtgartens außerdem neue Wohnquartiere.

Verbindendes Fest, das bis heute und in die Zukunft wirkt

Das Gartenschaujahr 1996 markierte ein verbindendes Fest für unsere Stadt. Die Veranstaltungsreihe „Sommer am See“ in der alten TÜV-Halle lenkt seither jedes Jahr die Besucher/-innen auch auf die andere Seite des Stadtgartens, wo sich neben der Wandelhalle auch der ehemalige Pavillon der Landesgartenschau befand. Auch der Rosengarten unserer Partnerstadt Glenrothes und weitere Gärten wurden neu angelegt.

Dort zeichnen sich ebenfalls Impulse einer künftigen Entwicklung ab – wenn es etwa um die Erweiterung des Landratsamtes geht und die Parkstraße dann perspektivisch von einer trennenden Verkehrstrasse zu einem verbindenden Band umgestaltet werden kann.

Kraftakt und große Leistung: Stadtgarten erfreut bis heute

Blumen Landesgartenschau

Die Entstehung des Stadtgartens in seiner heutigen Form war mit großen Anstrengungen verbunden – ein enormer Kraftakt aller Beteiligten, von denen einige noch heute dem Gemeinderat und der Verwaltung angehören. Rückblickend hat sich der Stadtgarten als eine große, in die Zukunft weisende Leistung erwiesen, deren Potenzial und Entwicklungschancen uns noch weitere Möglichkeiten bieten.

Die geschaffene Verbindung durch dieses Großprojekt, die damals mit einem Festjahr besiegelt wurde, hält bis heute an und erfreut nicht nur Böblingerinnen und Böblinger.
Freuen Sie sich also mit mir auf die sechs weiteren Artikel unserer Serie „25 Jahre Landesgartenschau in Böblingen“ hier im Amtsblatt, mit denen wir die Monate „Wunder – Garten – Phantasie“ 1996 Revue passieren lassen.

Ihre

Christine Kraayvanger
Bürgermeisterin

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Barbara Mischke
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71032 Böblingen
Telefon (0 70 31) 6 69 34 01
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